|
Es fällt schwer diese Ortschaft zu verlassen, ohne darüber nachzudenken, wie das moderne Amerika Begriffe neu definiert hat. Man kann vieles, fast alles sehen in diesem Land und so manches davon hat sich selbst so oft überlebt, dass es unsterblich geworden ist, zumindest in Reminiszenzen. In dieser Stadt schließlich hat die Revolution namens Amerika einen neuen Anlauf genommen, sich selbst im eigenen Spiegel zu betrachten.
Wir sind in Celebration; in Florida, aber eigentlich ganz woanders. Wir stehen hier, ein paar Meilen entrückt vom Interstate Nummer 4 und von der Retortenstadt Orlando, zum Beispiel vor den Toren der Disney Company und damit sozusagen an der Schwelle zu dem, was man als Inbegriff von „Corporate America“ bezeichnen darf. Wir stehen aber auch am Objektiv eines Teleskops, durch das man sowohl zurück als auch nach vorn blicken kann.
Celebration ist ein Experiment, eine Feststellung und ein Ort, der es sich selbst und der Welt beweisen muss. Es vergingen nur wenige Tage nach der Bekanntgabe des Disney-Konzerns, eine Wohnstadt zu errichten, da erschienen die ersten Artikel und Essays, in denen für den bis dahin wenig beachteten Flecken Land die Totenglocken geläutet wurden. Es klang einfach zu abwegig, zu weit hergeholt und zu utopisch, was da geplant wurde, zu verrückt und doch wieder nicht verrückt genug. Die Grundpfeiler, die Walts Enkel in den Boden geschlagen hatten, hießen Bildung, Gesundheit, Technologie, Gemeinschaft und Ortsverbundenheit und aus diesen Essenzen wollte Disney das ideale Zusammenleben destillieren, garniert mit ansehnlichen, wenn auch sogar für Floridas Verhältnisse nicht ganz günstigen Wohn- und Zweckgebäuden und einer durchaus ansprechenden Stadtanlage und ergänzt durch künstliches Herbstlaub im Oktober und künstlichen Schneefall im Dezember. Disney gab vor, welche Bewohner weiße Holzzäune errichten durften, welche Art von Weihnachtsbeleuchtung zu benutzen ist und in welcher Farbe die Häuser gestrichen werden durften. So entstand ein Ort, der auch nach außen hin strikt harmonisch ist und ein bisschen hat sich das äußere Bild auch in den Köpfen der Menschen hier immer widergespiegelt.
Vom Autofenster aus ist es ein überaus einladendes Städtchen, ein bisschen europäisch und in dem Bemühen, europäisch zu wirken, ein bisschen amerikanisch. Wenn man alles, was man über das Projekt „Celebration“ weiß in den Hintergrund drängt, selbst dann ist es kein Ort wie jeder andere, denn es gibt keine Trennlinien. Die Häuser sind gepflegt und hübsch und nach einem von sechs von Disney vorgegebenen Grundmustern errichtet, die Straßen aufgeräumt, die Anlage auf Harmonie bedacht. Wer hier arm und wer reich, wer krank und wer gesund ist, das lässt sich nicht ablesen. Man fühlt sich wohl in Celebration und unweigerlich gewinnt man den Eindruck, dass auch die Bürger das tun, wie sollten sie auch sonst in diesem liebevoll gestalteten Ort mit den Seen, den herausgeputzten Fassaden und dem Kopfsteinpflaster. Natürlich hat man für eine Schule, ein Krankenhaus, für Parks und Golfplätze gesorgt und nichts davon wirkt künstlich, allenfalls das allzu propere Gesamtbild der Stadt ist ungewöhnlich, wenn man Amerikas Städte kennt. Es gibt keine Mall und auch keine langgezogenen Reihen von Flachgebäuden mit Parkplätzen davor, in denen man sonst überall im Land die Restaurants, die Fachgeschäfte und die Gebrauchtwagenhändler findet. Stattdessen sind die Läden in die Erdgeschosse der Wohngebäude integriert und sorgen so für Erinnerungen an europäische Altstädte. Und, und das ist das wahrscheinlich un-amerikanischste hier: Alles ist zu Fuß erreichbar.
Inzwischen gibt es etwa 10.000 Menschen, die nach Celebration gezogen sind und sich damit freiwillig einem Leben unterzogen haben, das in gewisser Weise zumindest vorübergehend im Glaskasten stattfindet. Neugierige, Touristen und Soziologen gaben sich bei Beginn des Experiments die Klinke in die Hand. Die Bewohner lassen sich auf ein geringes Risiko ein: die Stadt ist gesund, die Umgebung attraktiv und die Nachteile einer nie ganz zu verleugnenden Experimentsituation werden locker überdeckt von der Lebensqualität eines kleinen Ortes, der auf dem Skizzenbrett entstand. Dieses Charakteristikum aber ist längst keine Schlagzeile mehr wert. Überall im Land gibt es zahllose so genannte “master-planned communities”, also Siedlungen, kleine und mittelgroße Städte, die komplett aus einer Hand entworfen, gebaut und vermarktet wurden und sich oft genug mit einem Zaun von der Welt draußen abgrenzen.
An diesem Fakt darf sich, das ist legitim, auch die Kritik aufhängen. Natürlich gibt es hier weder Obdachlose noch politisch Radikale und die gesellschaftliche Selektion bestimmt schon der Preis, den man bezahlen muss, um sich in den Ort einzukaufen. Dafür aber finden sich bei genauerer Betrachtung überall, nicht nur in den USA, zahllose Parallelen und nur weil der Planer hier kein namenloses Firmenkonglomerat, sondern der Disney-Konzern war, ist Celebration erstens nicht weniger amerikanisch und zweitens nicht weniger authentisch als viele andere Städte der gleichen Größe. Inzwischen dürfte aber sogar den letzten, der Celebration für etwas besonderes hielt, die Realitäten eingeholt haben. In der Immobilienkrise fielen die Werte der Häuser hier schneller und tiefer als andernorts. Zwangsversteigerungen betrafen weite Teile des Ortes. In diese Zeit fiel auch das erste Kapitalverbrechen des ehemaligen Utopia: Ein Mord an einem Einwohner, nur drei Tage später gefolgt vom Selbstmord eines Hausbesitzers, der kurz vor dem Verlust seines Eigentums stand.
©Americanet, updated July 2011
|