Las Vegas

 

Essay: Erlebnisbericht Las Vegas

Klimaanlagen. Wahrscheinlich wird nichts so unterschätzt wie die Rolle der Klimaanlagen für die Entwicklung der Stadt Las Vegas. Klimaanlagen sorgen dafür, dass jedes Hotelzimmer, jedes Casino, jedes Konferenzzentrum und jedes Auditorium das ganze Jahr über auf dem Niveau klimatisiert werden wie es dem durchschnittlichen Besucher am Angenehmsten ist und damit leisten sie einen gehörigen Beitrag dazu, dass jener besagte Besucher die nicht enden wollenden Komplexe rechts und links des „Strip“ genannten Las Vegas Boulevard niemals verlassen müsste.

Was allerdings eine Sünde wäre, sogar in einer Stadt, in der die Sünde zum Motto erkoren wurde.

Denn Las Vegas ist nicht nur eine Stadt, eine Millionenstadt noch dazu, die jenseits jeglicher Vorstellungskraft liegt, sie liegt darüber hinaus auch noch in einer äußerst sehens- und erlebenswerten Umgebung. Rote Felsen und Kakteen, Wüstenlandschaften und Seen mit grünlich schimmerndem Wasser, steinige Höhenzüge und natürlich geformte Täler – wer den Südwesten Amerikas als das erkannt hat, was er ist, nämlich eine der schönsten Naturregionen der Welt, der wird nicht enttäuscht, auch wenn das Reiseziel Las Vegas heißt. Im Gegenteil: Kaum irgendwo anders gelangt man so schnell aus dem Stadtzentrum hinein in diese bisweilen staubige, bisweilen urtümliche Landschaft, die sich über endlose Meilen diesseits und jenseits der Highways erstreckt und von der man allenfalls einen Blick erhaschen kann; einen Blick allerdings, der sich in Netzhaut und Gehirn festsetzt und der wie ein Atemzug aus einer Sauerstoffflasche wirken kann. Eines der Ziele, das von vielen Las Vegas- Touristen besucht wird, ist der Hoover Dam auf der Grenze der Bundesstaaten Nevada und Arizona und schon während der knappen Stunde, die man zu diesem Wunderwerk der Ingenieurskunst benötigt, gelingt es stellenweise, das Klingeln der Slot Machines aus den Ohren zu verlieren und einzutauchen in eine Welt, die von Jackpots und kostenlosen Cocktails so weit entfernt zu sein scheint wie das Bellagio von einer Jugendherberge in New York.

Der Hoover Dam ist ein Monument dessen, was es gekostet hat, ausgerechnet in der Wüste Nevadas eine der abenteuerlichsten Verwirklichungen der Idee „Stadt“ zu konstruieren. Wie ein gewaltiger, glatt geschliffener Betonblock ragt der Damm in die Felsen und den Lauf des Colorado River, so dass auf der einen Seite mit dem so aufgestauten Lake Mead ein Freizeit- und Wassersportparadies erster Güte entstand und auf der anderen Seite schräg ins Gestein installierte Leitungsmasten dafür sorgen, dass dem unermesslichen Lichtermeer von Las Vegas genügend Energie zugeführt wird. Dass das imposante Gebilde zu Beginn des 20. Jahrhunderts und unter Einsatz vieler Arbeiterleben errichtet wurde, erfährt man bei einer Führung über eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten der USA, die im Visitor Center auf der Nevada-Seite angeboten werden. Andere Ziele, die man von Las Vegas aus leicht erreichen kann und zu denen von zahlreichen Veranstaltern Ausflüge angeboten werden, sind das Death Valley und der Grand Canyon, das vielleicht beeindruckendste natürliche Monument Amerikas; auch nach Phoenix oder Los Angeles fährt man nicht weit.

Doch spätestens wenn es Abend wird, muss man eigentlich zurückkehren in die Stadt der Lichter. Wenn der Horizont dunkler wird und die Konturen draußen in der Wüste zu einer ruhigen, mächtigen Kulisse verschwimmen, dann erwacht Las Vegas zu einem Ort, der aussieht, als habe man eine Horde Kinder mit Legosteinen eine Fantasiestadt erbauen lassen. Niemand kann die Lichter zählen, die auf die glänzenden Fassaden der Gebäude fallen und die Geräusche werden zu einer einzigen Dimension, unablässig und auf Schritt und Tritt. Ist man einmal in der Stadt, gibt es kaum ein Entkommen, aber das will man auch gar nicht. Diese Stadt ist voll und ganz auf den Besucher ausgerichtet, man umgarnt und umwirbt ihn überall und wenn er hier nicht König ist, dann nirgends. Touristen, egal woher, sind das Ziel jeglichen Marketings. Das beginnt bei den subventionierten Flügen in die Stadt, geht über die vielen kleinen Serviceideen der Casinohotels und setzt sich fort bis zu den immer freundlich lächelnden Gesichtern der Angestellten. In den USA hat der Servicegedanke tatsächlich Kultur und in dieser Hinsicht ist Las Vegas amerikanische Hauptstadt.

Da man sich durch die Freundlichkeit, die perfekt gepflegten Zimmer und die Angebote der Spielcasinos kaum von den anderen Hotelriesen unterscheiden kann, waren die Manager gezwungen, sich etwas anderes auszudenken, um die Aufmerksamkeit der Gäste auf das eigene Haus zu lenken. Die weithin sichtbaren Zeugen dieses Prozesses sind die aufwändigen architektonischen Spielereien, vielfach bar jeder Funktion und dennoch ein Symbol der vierten oder fünften Wiederbelebung des oft totgesagten Mythos Las Vegas. Auf den Anfang dieser Epoche stößt man ganz unten am Strip, rund um die Kreuzung, an der dieser über die Tropicana Avenue seinen Weg in Richtung des nahegelegenen Flughafens fortsetzt. Hier findet sich zunächst das bereits etwas in die Jahre zu kommen scheinende „Excalibur“, eine bunte Kreation aus Türmchen, Spitzen und Giebeln, die an ein Märchenschloss erinnern soll, allerdings eher an eines aus der Feder Walt Disneys denn der Gebrüder Grimm. Gleich dahinter reckt sich eine Pyramide aus schwarz getöntem Glas in den Himmel, die im Dunkeln einen kräftigen Lichtstrahl aus der Spitze sendet. Beim Näherkommen erst entdeckt man die alt-ägyptische Symbolik, komplett mit den Nachbildungen von Cleopatra, der Sphinx und passenden Schriftzeichen, mit denen das „Luxor“ sein Thema interpretiert. Zurück in die andere Richtung führt der Weg zu einem der gelungensten Ergebnisse kreativer Freiheit, dem zwar nicht ganz detailgetreuen, aber trotzdem eindrucksvollen Nachbau des Big Apple in Form des „New York, New York“ – Hotels. Die Statue of Liberty steht hier zwar vor dem Empire State Building und die Brooklyn Bridge spannt sich vor dem Chrysler Building entlang, der wirklich ansehnlichen Fassade verleiht das aber keinen Abbruch und wer möchte, kann sie auch aus der Perspektive einer Achterbahn betrachten, die sich um den gesamten Gebäudekomplex windet.

Ein Rollercoaster ist wahrscheinlich das passendste Beförderungsmittel für Las Vegas, denn ein paar Meter die Straße hinauf landet man in atemloser Abfolge nicht nur bei einer anderen Spielwiese der Architekten, sondern thematisch sogar auf einem anderen Kontinent. Der Eiffelturm des ganz auf französisch getrimmten Hotels „Paris“ ragt dabei so hoch hinauf, dass sein Schatten bis nach Italien reicht; denn auf der gegenüberliegenden Straßenseite hat das luxuriöse „Bellagio“ mit einer in Anbetracht der umliegenden Wüstenlandschaft verschwenderischen Wasserpracht die Parkanlage eines italienischen Schlosses nachempfunden. Dass wiederum gegenüber und ein paar Meter weiter Gondeln durch die Wasserstraßen des „Venetian“- Hotels kreuzen, vermag da kaum noch zu verwundern. Als Geräuschkulisse dient da vielleicht das Schlachtgetümmel vom nachgestellten Aufeinandertreffen zwischen Piraten und der britischen Armada vor dem „Treasure Island“ oder die Schreie der Wagemutigen, die sich im so genannten „Big Shot“ am „Stratosphere Tower“, dem höchsten freistehenden Turm der USA für ein paar Sekunden in die Schwerelosigkeit schießen lassen.

Spätestens hier wird klar, dass der Mythos Las Vegas in seiner modernen Form auf dem Spektakulären beruht. Als die Menschen sich für die Stadt in der Wüste zu interessieren begannen, da war es das Zwielichtige, das Anrüchige und Sündige, was dahinter stand, gepaart mit der unheimlichen Faszination, die von dem nicht zu verleugnenden Einfluss der Mafia ausging. Damals drehte sich in Las Vegas alles um elegante Damen und respektable Herren, um das große, zur Schau gestellte Geld und ums Dazugehören. Nachdem die Stadtväter und vor allem die allgegenwärtige Glücksspielkommission aufgeräumt hatten und die organisierte Kriminalität zumindest vordergründig aus den Büchern verschwunden war, folgte das erste langsame Sterben der Stadt, dem sie mit dem entgegen trat, was von da an zu einer Art Leitmotiv für sie wurde: der Fantasie. Die Hotels, schon damals mit dem Drang, immer größer zu werden, errichteten Showbühnen und Theater und begannen, teure und hochkarätige Shows zu inszenieren, um die Besucher an ihr Haus zu binden; eine Taktik, die bis heute in ungebrochener Form Bestand hat. Es vergeht kein Tag, an dem nicht irgendwo eine große Veranstaltung, ein Konzert oder ein gesellschaftliches Ereignis stattfindet, kein Wochenende verstreicht ohne den Auftritt eines Superstars. An fünf zufällig ausgewählten Tagen im Oktober 2003 konnte man unter anderem den Indoor-Motocross-Meisterschaften der USA beiwohnen, ein Galadinner mit Andre Agassi und Robin Williams besuchen, sich einem Konzert von Tom Jones oder einem von Fleetwood Mac hingeben oder eine Show von David Copperfield erleben – und das war nur die Auswahl aus einem einzigen der großen Casinohotels. Kämpfe um die Boxweltmeisterschaft, hochkarätige Konzerte, Akrobatik-, Tanz- und Magieshows; der Veranstaltungskalender von Las Vegas ist unüberschaubar und lückenlos. Dazu kommen die kleineren Attraktionen, die in Hotels in jeder anderen Stadt der Welt besondere Erwähnung finden würden. Da werden Ausstellungen präsentiert, Events inszeniert und Löwen, weiße Tiger und Haie präsentiert und niemand nimmt auf Anhieb Notiz davon.

Wer das möchte, der kann in Las Vegas einen wochenlangen Aufenthalt verbringen, ohne auch nur einmal zur Ruhe zu kommen, doch da der menschlichen Aufnahmefähigkeit Grenzen gesetzt sind, sorgen die Hotels mit ihrem makellosen Service, den einwandfreien Zimmern, teilweise überdimensionalen Sauna-, Schwimm- und Wellnesslandschaften und einem seinesgleichen suchenden Gastronomieangebot für das Wiederaufladen der Batterien. Wirklich vielseitige und ausgiebige „All you can eat“- Büffets findet man an jeder Straßenecke und das meist zu einem einladenden Preis. Ebenso häufig ist Erlebnisgastronomie unterschiedlichster Couleur und überhaupt ist die gesamte Speisekarte kulinarischer Gelüste abgedeckt, von McDonald’s bis zum Vier-Sterne-Restaurant, von den unzähligen Bars, Clubs und Theken ganz zu schweigen. Man könnte, wenn man zum Beispiel als Teilnehmer der in unablässiger Folge stattfindenden Messen oder Konferenzen in die Stadt kommt, fast schon vergessen, was genau eigentlich den Ruf Las Vegas’ ausmacht, müsste man nicht auf dem Weg zu all den Restaurants, Shoppingpassagen, Shows und Darbietungen durch ein scheinbar endloses Gewirr von Spieltischen, Automaten und Kassenschaltern.

Sie spielen Lieder von Elvis, sie lassen animierte Außerirdische erscheinen, sie blinken in allen Farben des Regenbogens und sorgen für eine im Ohr haftende Symphonie aus immer neuen und immer gleichen Klingelgeräuschen, akustischen Symbolen und Fanfaren und irgendwie ist es schwer zu glauben, dass all dies, diese ganze Stadt des Außergewöhnlichen und des Einzigartigen auf Kästen aus Blech und Plastik beruht. Tatsächlich kann man ihnen fast nicht entkommen. Es bedarf schon einer gehörigen Portion Willenskraft, um zu ignorieren, dass in beinahe schon regelmäßigen Abständen ganz normale Menschen in Jubelschreie ausbrechen, vor Glück zu weinen beginnen oder sich vor Freude auf den Boden werfen. Ja, es gibt sie, die Jackpotgewinner und gar nicht mal so wenige. Angesichts solcher Szenen und der immer weiter kletternden Anzeigen der Jackpots, von 200 Dollar bis 16 Millionen aber darf man nicht vergessen, dass alle diese Summen einmal eingezahlt worden sind, dass noch viel mehr Geld aus jeder einzelnen der Slot Machines in den Tresorraum des Casinos wandert und dass man eben die nicht sieht, die gar nicht mehr aufhören konnten, weil der Gastgeber nicht will, dass man sie sieht. Einen Riesenspaß macht es trotzdem, sich bei kostenlosen Getränken vor einen der zum Teil liebevoll animierten Spielgeräte zu setzen und zu erleben, wie der Zählerstand der Münzen mal zulegt und dann wieder abnimmt. Ein kleiner Triumph ist für jeden Besucher drin, darüber wacht die Glücksspielkommission und darüber freut sich auch der Casinobetreiber, denn man soll es ja noch mal versuchen.

Es soll tatsächlich Leute geben, die seit Jahren in Las Vegas Urlaub machen und noch nie gespielt haben. Das Schöne an dieser Stadt ist, dass man diese Möglichkeit erst erkennt, wenn man tatsächlich da ist. Die Stadt der Sünde muss eine solche gar nicht sein, sondern sie kann sich so darstellen, wie der Besucher das will: Als Oase in der Wüste, als Ort der Erlebnisse, als Heimat echten Genusses. Las Vegas nur auf den Strip und auf das Offensichtliche zu reduzieren ist einfach und bequem, greift aber ungefähr so kurz wie in New York nur die Freiheitsstatue zu besichtigen. Jedes Urteil, das über diese Stadt gefällt wird, muss solange als ungültig gelten, bis sie selbst erlebt wurde und manchmal braucht es ein zweites oder ein drittes Mal, um alle Dimensionen von Las Vegas zu erfassen. Dann aber bietet sich eine unvergleichliche Perspektive, die noch immer vom Wahnsinn eines Ortes geprägt ist, den es so eigentlich gar nicht geben kann, aber den Blick darüber hinaus eröffnet auf eine Stadt, die zu dem Besten gehört, was man als Tourist in Amerika erleben kann.


 

 

Find us on Facebook

 

Follow us on Twitter

 

 

 

 

Americanet.de

 

Visit us on Pinterest

 

bl

 

 

 

 

Übersicht Städte

 

Impressum

 

 

 

 

This page in English: Las Vegas