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Als ob es mit ganzjährigem Sonnenschein, wunderbaren Landschaften und Stränden, Walt Disney und Cape Canaveral nicht genug Dinge geben würde, die Besucher in Scharen nach Florida locken, hält der Sunshine State im Frühjahr jeden Jahres für eine ganz bestimmte Klientel noch einen besonderen Anreiz parat: Spring Training. Dahinter verbirgt sich streng genommen nichts anderes als eine Art Trainingslager für die Teams der Major League Baseball, doch tatsächlich ist aus diesen ursprünglich als reine Saisonvorbereitung konzipierten Wochen eine echte Institution geworden, die Jahr für Jahr viele Fans nach Florida lockt. Von den 30 Mannschaften, die in der höchsten Spielklasse, der Major League, organisiert sind, ziehen 18 jedes Jahr für etwa sechs Wochen nach Florida um, die restlichen bereiten sich in Arizona vor.
Für die Fans beginnt damit etwa Mitte Februar eine ganz besondere Zeit und eine Einstimmung auf die Saison, wie man sie sich besser kaum wünschen kann. Endlich bietet sich wieder die Gelegenheit, die Aktionen auf dem Spielfeld zu bejubeln, mit Gleichgesinnten zu fachsimpeln und die Spieler des eigenen Teams aus der Nähe zu bewundern – und das bei meist hervorragendem Wetter. Das Geheimnis des Spring Trainings heißt Nähe. Während die Stadien für die reguläre Saison immer größer werden, tragen die Teams ihre Freundschaftsspiele im Frühling in kleinen Ballparks aus und wenn man gute Tickets erwischt, sitzt man manchmal gerade einmal zehn Meter vom Lieblingsspieler entfernt. Die Eintrittspreise für solche Spiele sind günstig und neben den Begegnungen mit anderen Mannschaften gibt es da noch die Trainingseinheiten, die man ebenfalls aus nächster Nähe verfolgen kann und bei denen sich darüber hinaus oft noch die Chance für das eine oder andere Autogramm bietet.
Unsere Basis für das Erlebnis Spring Training ist Tampa. Einerseits, weil direkt in Tampa mit den New York Yankees die erfolgreichste, teuerste und mit den besten Spielern bestückte Mannschaft trainiert und zum anderen, weil man von hier aus mit kurzer Fahrt die Lager gleich mehrerer anderer Teams erreichen kann, die etwa in St. Petersburg, Bradenton, Fort Myers oder Sarasota vorübergehend zuhause sind. Vorher haben wir uns im Internet darüber informiert, welches die besten Gelegenheiten sind, Autogramme von den Spielern zu ergattern und so fahren wir am Nachmittag vom Hotel zum Legends Field, dem Stadion der Yankees in Tampa, in der Hoffnung, die Spieler vor dem abendlichen Spiel beim Training zu erwischen. Leider haben wir kein Glück, das Schlagtraining ist schon beendet. Mit wenig Hoffnung stellen wir uns in die Schlange für die Abendkasse: Die Spiele der Yankees in Florida sind ohnehin fast immer ausverkauft und dieses Jahr hat das Team mit Alex Rodriguez auch noch den Spieler gekauft, den viele für den besten und komplettesten der ganzen Liga halten. Natürlich ist das Zuschauerinteresse da besonders groß. Doch diesmal ist das Glück auf unserer Seite: Wir bekommen Karten.
Legends Field ist eigentlich kein typisches Spring Training- Stadion. Es bietet Platz für mehr als 10.000 Fans und man ist nicht so nah dran an den Spielern, wie man sich das vom Frühjahrstraining wünscht. Wir sind dennoch zufrieden, denn im Ballpark herrscht eine nette Atmosphäre. Man unterhält sich, versorgt sich mit Essen und Trinken von den zahllosen Ständen und das Wetter ist gut. Unten sehen wir die Superstars der Yankees einen nach dem anderen an die Home Plate treten, bevor sie nach einigen Innings gegen hoffnungsvolle Nachwuchstalente ausgewechselt werden. Das Ergebnis spielt keine Rolle, man hat einfach eine gute Zeit und genießt es, nach über vier Monaten Winterpause endlich mal wieder Baseball zu sehen. Am nächsten Tag kommen wir wieder, zum nächsten Spiel und wieder gibt es keine Gelegenheit, mit den Spielern zu sprechen oder sie um ein Autogramm zu bitten. Wir warten am Ausgang der Kabinen, wo die Mannschaftsbusse stehen, doch müssen feststellen, dass die besten und höchstbezahlten Spieler mit ihren Luxusautos zum Hotel fahren. Immerhin kommen ein paar Rookies und Nachwuchsspieler vorbei und geben ein paar Autogramme. Spring Training ist zwar noch immer eine besondere Zeit für Baseballfans, aber da, wo die größten Stars und die besten Mannschaften trainieren, hat es ein wenig von dem Charme verloren, den die Fans suchen.
Das wird anders, als wir die Yankees tags darauf zu ihrem Auswärtsspiel bei den Detroit Tigers begleiten. Die Tigers, die das Jahr zuvor überaus unbefriedigend abgeschnitten hatten, sind seit vielen Jahren im Frühjahr Gast des kleinen Städtchens Lakeland, etwa 50 Meilen von Tampa entfernt. Natürlich gelten auch hier besondere Bedingungen, wenn die Yankees kommen, die vielen Autos mit den New Yorker Nummernschildern überfluten den kleinen Ort geradezu. An der Tageskasse erfahren wir, dass nur noch Karten für die „grass area“ zu haben sind und wir greifen zu, ohne tatsächlich zu wissen, was das bedeutet. Es stellt sich heraus, dass das kleine Stadion der Tigers hinter dem Outfield eine große Rasenfläche bietet, auf der die Fans auf ihren Decken sitzen und eine echte Picknick-Atmosphäre genießen, zu der aufgestellte Parkbänke und ein Grill das übrige dazu tun. Vor dem Spiel jedoch schlagen sich die Spieler ein und hier hat man als Fan tatsächlich die Gelegenheit, ganz nah an die Stars heranzukommen. All die millionenschweren Spieler der Yankees stehen hier nur ein paar Meter entfernt und man kann tolle Fotos schießen. Für die vielen Kinder, die ebenfalls warten, gibt es auch noch ein paar Autogramme, einer bekommt einen Ball, ein anderer sogar einen Schläger geschenkt. Genau so hatten wir uns das Spring Training vorgestellt; Baseball zum Anfassen. Auf der Grasfläche sitzt es sich sehr gemütlich, allerdings sorgt die brennende Sonne Floridas dafür, dass man alle paar Minuten den schützenden Schatten im Stadion selbst aufsuchen muss. Wir sind trotzdem begeistert und merken uns für den nächsten Besuch vor, besser in die kleineren Stadien zu gehen, um das echte Spring Training zu erleben.
Zwei Tage später neigt sich unsere Reise schon wieder dem Ende entgegen und wir müssen zurück nach Miami, von wo unser Flieger geht. Ein letztes Mal fahren wir zum Legends Field und haben Glück: Die Mannschaft ist gerade dabei, eine Trainingseinheit zu absolvieren. Wir sehen mit nur einer Handvoll anderer Fans zu, wie sie Schlag- und Fangtraining absolvieren und als die Übungen beendet sind, stellen wir uns an den Zaun, um vielleicht doch noch die Unterschrift eines der Stars auf unsere mitgebrachten Bälle und Baseballkarten zu bekommen. Mit uns warten mindestens dreißig japanische Journalisten und Kameraleute, die den japanischen Volkshelden Hideki Matsui, seit 2003 ein New York Yankee, schon die letzten Tage über auf Schritt und Tritt begleitet haben. Es stellt sich heraus, dass Matsui auch derjenige Spieler ist, der am geduldigsten und längsten Autogramme gibt; sein Schriftzug prangt jetzt, zusammen mit dem einiger anderer Spieler, auf einem unserer Bälle. So haben wir letztendlich alles vom Spring Training mitgenommen, was es einem Fan bieten kann. Wir haben Spiele gesehen und Stadionluft geschnuppert, wir haben viele schöne Fotos unserer Stars machen können und sogar Autogramme bekommen und wir haben die dreißig und mehr Grad Celsius genießen dürfen, die in Florida schon im März selbstverständlich sind. Für einen echten Baseballfan ist ein Besuch in den Trainingslagern des Frühjahrs ein herausragendes Erlebnis; eines, das man gerne wiederholen möchte.
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