Noch vor einigen Monaten kannte kaum jemand außerhalb von Texas den Demokraten Beto O’Rourke. Der jedoch schaffte es innerhalb relativ kurzer Zeit, sich auf unaufdringliche Art präsent zu machen und so für viele in der Partei zu einer Art Hoffnungsträger zu werden. Social Media gehörte von Anfang an zum Handwerkszeug des Politikers und Beto schaffte es, seine vielen Auftritte auf Instagram & Co. unkonventionell und vor allem immer unbekümmert aussehen zu lassen. Im normalerweise verlässlich konservativ wählenden Lone Star State gelang es ihm so, jene jüngeren, urbanen Wähler abzuholen, die sich von den Republikanern immer weniger abgeholt fühlten.

Es ist bedeutsam, dass O’Rourkes Heimatbasis El Paso ist, jene Riesenstadt direkt am Rio Grande und der mexikanischen Grenze, in der die Latinos mehr als 80% der Einwohner stellen. Beto, der eigentlich Robert Francis O’Rourke heißt, wurde hier 1972 geboren, saß sechs Jahre lang im Stadtrat und war ein Jahr lang Bürgermeister. O’Rourkes Familie ist irischer Herkunft, was im texanischen Südwesten eher selten ist und es spricht für den Kandidaten, dass die Menschen hier sich trotzdem verlässlich hinter ihn stellen. Diese Fähigkeit, die Wähler der immer bedeutsamer werdenden Minderheiten nicht nur anzusprechen, sondern vor allem auch dazu zu bewegen, an die Wahlurnen zu gehen, hat im vielfältigen demokratischen Bewerberfeld großes Gewicht. Schon bei den Kongresswahlen 2018 ließ sich das gut ablesen. Texas, wo es zwar progressive Städte wie Austin, Dallas, San Antonio oder eben El Paso gibt, aber eben auch jede Menge bibeltreues Land dazwischen, war immer ein verlässlich republikanisches Gebiet, ein demokratischer Senator schien undenkbar. Und doch schaffte es Beto O’Rourke, den erzkonservativen Amtsinhaber Ted Cruz an den Rand einer Niederlage zu bringen, weil er von einer Welle der Begeisterung und einer Stimmung des Aufbruchs getragen wurde.

Logo der Kampagne

Obwohl dieser frische Wind, den O’Rourke scheinbar symbolisiert, schon so manchen Vergleich mit dem Werdegang von Barack Obama hervorgebracht hat, so gibt es doch im demokratischen Lager auch so manche Stimme, die daran zweifelt, dass Betos lockerer, unvoreingenommener Stil das richtige Rezept ist, um gegen Trump ins Rennen zu gehen. Immerhin hat O’Rourke die Wahl eben letzten Endes doch verloren und politische Akzente zu setzen, gelang ihm in seinen sechs Jahren im Repräsentantenhaus auch nur selten. Seine Anhänger aber stört das nicht. O’Rourke sammelte in den ersten 24 Stunden nach der Verkündung seiner Kandidatur mehr als $6 Millionen an Wahlkampfspenden ein – ein neuer Rekord, der etablierte Konkurrenten um ein Vielfaches übertraf. Für seine Präsidentschaftskampagne versprach er, auf Spenden von Großspendern zu verzichten.

Beto O’Rourkes Stärke sind seine Bürgernähe und seine atypische Biografie. Er ist ehemaliges Mitglied einer überschaubar erfolgreichen Punkband, arbeitete als Sozialbetreuer und ist einmal wegen betrunkenen Fahrens verhaftet worden. Nichts davon findet sich in den üblichen Biografien von Leuten, die es in Washington weit bringen und daher ist der unkonventionelle Texaner in den Establishment-Kreisen der Demokraten nicht der erste, der als Kandidat für das Weiße Haus in den Sinn kommen würde. Dazu ist er auch aus politischer Sicht noch ein zu unbeschriebenes Blatt – und noch dazu einer, dessen Social Media-Aktivitäten wie das Skateboarden auf einem Parkplatz mehr Aufmerksamkeit erzeugten als seine politischen Initiativen. O’Rourke bezeichnete den Klimawandel als „größte Umweltgefahr, der wir je ausgesetzt waren“; er ist für die Freigabe von Marihuana, unterstützte die Proteste schwarzer Sportler gegen Ungerechtigkeiten und Polizeigewalt und sprach sich für strengere Gesetze zur Kontrolle von Großunternehmen aus. Außenpolitisch kritisierte er Saudi-Arabien scharf für Menschenrechtsverletzungen, bezeichnete Israels Premierminister Netanjahu als „Rassisten“ und war für das Iran-Abkommen, das von Donald Trump aufgekündigt worden war. O’Rourke hat mehrfach betont, dass er genug Gründe für ein Amtsenthebungsverfahren gegen Trump sehen und für ein solches stimmen würde.


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