Es war eine Krebsfalle, die alles veränderte; alles, bis hin zum Stadtbild von Clearwater, Florida. In jener Krebsfalle verfing sich im Dezember 2005 ein erst wenige Wochen alter Delfin und verletzte sich schwer. Der Delfin wurde entdeckt und von einem Team gerettet, doch nachdem er ins Clearwater Marine Aquarium gebracht worden war, stellten die Ärzte fest, dass seine Schwanzflosse, die ein Delfin unbedingt zum Schwimmen braucht, nicht mehr zu retten war. Was dann folgte, war nicht nur bis dahin niemals versucht worden, sondern war auch so überraschend und sensationell erfolgreich, dass ein Hollywood-Film daraus gemacht wurde: “Mein Freund der Delfin” erzählt die Geschichte von dem Meeressäuger, der schwer verletzt gefunden wurde und mit Hilfe einer eigens angefertigten Flossenprothese lernte, wieder wie ein Delfin zu schwimmen. Der Film war gut gemacht und überraschend erfolgreich, wenn auch leicht von der Original-Geschichte abweichend und es dauerte nicht lang nach dem Kinostart, bis die Menschen nach Clearwater kamen, um jenen Delfin namens Winter einmal mit eigenen Augen sehen zu können.

Bis zu jenem Zeitpunkt war das Clearwater Marine Aquarium in erster Linie eine Pflege- und Rehabilitationsinstitution für Meerestiere, doch mit dem Erfolg des Films und den danach folgenden DVD-Veröffentlichungen in verschiedenen Ländern kamen plötzlich immer neue Besuchergruppen nach Clearwater, für die in der ehemaligen Wasseraufbereitungsanlage, die dem Aquarium als Zuhause dient, kaum die nötige Infrastruktur vorhanden ist. Zwar gab es in der Zwischenzeit – auch dank der Mehreinnahmen durch den Besucherzufluss – etliche Umbauten, Updates und Verbesserungen, doch getreu dem Selbstverständnis des Aquariums flossen die Gelder vornehmlich in die eigentliche Aufgabe der Einrichtung, den Schutz und die Pflege von Meerestieren. Seit 2013 wurde das Aquarium modernisiert und umgebaut.

Auf der anderen Seite hat die wenig spektakuläre Aufmachung des Aquariums auch sein Gutes. So nämlich ist man eher aufgeschlossen, für die vielen kleinen Geschichten, um die es hier geht. Während die von Winter dem Delfin natürlich die bekannteste ist, haben auch viele der anderen Bewohner des Aquariums interessante Stories. Bei einem Rundgang durch die Einrichtung begegnet man zum Beispiel Meeresschildkröten, die nach Bootsunfällen nicht mehr für sich selbst sorgen können oder den beiden Ammenhaien Thelma und Louise, die von einem privaten Besitzer in einem Aquarium gehalten wurden, bis er feststellte, dass die Tiere zu groß für das Behältnis wurden. Gerne stehen bleibt man auch bei den beiden Flussottern, zwei ganz unterschiedlichen Charakteren, von denen einer offenbar von einem Auto angefahren worden war, als er gefunden wurde. Wie die Otter sind auch die beiden weißen Pelikane in der Einrichtung keine typischen Gäste des Clearwater Marine Aquariums, doch die Vögel hatten gemeinsam den Pelikan “Rufus” in “Mein Freund der Delfin” gespielt und waren nach ihrem Engagement in Florida geblieben.

De meisten Platz, nicht nur räumlich, sondern auch in der Gunst der Zuschauer, nehmen aber die Delfine ein, in deren Becken es mehrmals täglich Vorführungen zu bestaunen gibt. Wer noch mehr von den klugen Säugetieren haben will, kann in zusätzlich buchbaren Programmen zum Beispiel mit ihnen ins Wasser gehen, sie ein persönliches Bild malen lassen oder eine Fotosession mit ihnen veranstalten. Die Angebote reichen bis zum Programm “Trainer for a day”, bei dem man einen der zahlreichen Tiertrainer über mehrere Stunden begleitet und zum Beispiel beim Füttern und natürlich beim Trainieren dabei ist. So begegnet man dann auch Panama, einer Delfindame, die bei ihrem Fund weit abgemagert war, weil ihre Zähne so abgeschliffen waren, dass sie nicht mehr selbst für ihr Futter sorgen konnte. Oder Nicholas, der zusammen mit seiner kranken Mutter gestrandet war und die bereits so lange auf dem Trockenen gelegen hatten, dass er Sonnenbrand auf 30% seines Körpers erlitt. Heute ist Nicholas aber, obwohl er den Tod seiner Mutter miterleben musste, ein quicklebendiges und sehr aktives Tier, der scheinbar großen Spaß an den Übungen an, die ihm die Trainer beibringen.

Eine ganz besondere Geschichte umgibt auch Winters Beckennachbarn, den Delfin Hope. Als die Crew im Dezember 2010, fünf Jahre und einen Tage nachdem Winter gefunden worden war, beisammensaß, um den Abschluss der Dreharbeiten zu feiern, erreichte das Clearwater Marine Aquarium ein Anruf: Nur wenige hundert Meter von der Stelle entfernt, an der Winter einst gefunden worden war, war erneut ein junger Delfin in Not gesichtet worden. Das Tier, mit etwa zwei Monaten ebenso alt wie ihr heute berühmter Beckennachbar damals, war bei seiner verstorbenen Mutter und versuchte vergeblich, Milch zu saugen. Die junge Meeressäugerin wurde nach Clearwater gebracht und weil sie schon so früh verwaiste, wird es unmöglich sein, sie wieder in die Freiheit zu entlassen. Das Tier, das nach einer Abstimmung den Namen “Hope” erhielt, tritt also mehr oder weniger in Winters Fußstapfen – und das sogar auch auf der Leinwand, denn Hope war der Star von “Mein Freund der Delfin 2”, der im Herbst 2014 in europäischen Kinos anlief.

Doch auch abseits der bewegenden Geschichten der Bewohner des Aquariums ist dieses ein besonders lohnendes Ausflugsziel. Das gilt insbesondere deswegen, weil das Clearwater Marine Aquarium eben keines ist, das sich als Touristenattraktion versteht, sondern weil es ein meeresbiologisches Zentrum mit Krankenstation und Pflegeeinrichtungen ist. Wie sehr die Tiere hier im Vordergrund stehen, erfährt man zum Beispiel bei einer Tour hinter die Kulissen, wie sie hier angeboten wird. Ebenfalls möglich ist eine Kombination des Aquariumsbesuchs mit der “Sea Life Safari”, bei der man gemeinsam mit einem Biologen auf eine Bootstour durch die Gewässer rund um Clearwater geht und dabei interessante Entdeckungen macht und einen Einblick in die wissenschaftliche Arbeit gewinnt. Weiterhin werden unter anderem geführte Kajaktouren, Übernachtungsabenteuer für Kinder und einwöchige Fun Camps angeboten, bei denen junge Besucher an die Welt der Meeresbiologie herangeführt werden.