Beim sogenannten Kent-State-Massaker kam es im Mai 1970 während anhaltender Anti-Kriegs-Proteste zum Schusswaffeneinsatz durch Mitglieder der zur Universität entsandten Nationalgarde. Dabei kamen vier Menschen ums Leben. Die Bilder von dem Zwischenfall gingen um die Welt und heizten die Proteste in den USA in der Folge immer weiter an.


Hintergrund: Proteste gegen den Vietnamkrieg

Im Jahr 1970 waren die USA bereits seit mehreren Jahren in den Vietnamkrieg involviert. Die Regierungen von John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson hatten immer mehr US-Soldaten in den Krieg entsandt, ohne dass daraus eine signifikante Verbesserung der militärischen Lage resultierte. Hinzu kamen Bilder vom Massaker von My Lai, die bevorstehende Ausweitung des Krieges nach Kambodscha und die Ankündigung, dass bald auch College-Studenten eingezogen werden könnten, die immer neue und größere Proteste hervorriefen. Viele dieser Proteste entstanden an Universitäten, so auch an der Kent State University in Ohio. Hier war es seit 1966 zu verschiedenen Aktionen und Demonstrationen sowie auch zu Auseinandersetzungen mit Ordnungskräften gekommen.


Verlauf bis zum 4. Mai

Im Vorlauf des Massakers an der Kent State University kam es zu mehreren Ereignissen, die schließlich zur Eskalation beitrugen. Die im Land ohnehin schon aufgeheizte Stimmung, die sich besonders in Form von Protesten im Umfeld von Unis zeigte, wurde durch eine Aussage von Präsident Nixon weiter befeuert. Dieser hatte sich am 1. Mai herablassend über die demonstrierenden Studenten geäußert und diese als „Gammler“ bezeichnet. Noch am Abend des 1. Mai kam es in Kent zu Ausschreitungen und Plünderungen, die aber von der Polizei beendet werden konnten. Der Bürgermeister von Kent rief den Notstand aus.

Am nächsten Tag, dem 2. Mai, einem Samstag, eskalierte die Lage dann, zum größten Teil angetrieben durch Gerüchte, die sich im Laufe des Tages immer weiter verstärkten. So wurde zum Beispiel behauptet, Studenten hätten Waffenlager angelegt und hätten den Plan, das Trinkwasser der Stadt mit Drogen zu versetzen. Zudem erhielten die Gesetzeshüter Informationen darüber, dass die Protestierenden das ROTC-Gebäude (Einrichtung für das Reserveoffizierstraining) auf dem Campus in Brand setzen wollten. Die vielen Gerüchte und Berichte riefen bei Kents Bürgermeister Satrom den Eindruck hervor, dass seine lokalen Polizeikräfte nicht mehr alleine würden zurechtkommen können. Er rief daher Ohios Gouverneur Jim Rhodes an und bat um die Entsendung der Nationalgarde. Rhodes stimmte der Bitte sofort zu, doch die Nationalgardisten erreichten den Ort erst am späten Abend. Zu diesem Zeitpunkt stand das ROTC-Gebäude tatsächlich bereits in Flammen und mehrere Protestler – wie sich später herausstellte, meist keine Kent-State-Studenten – versuchten, die Feuerwehr bei den Löscharbeiten zu behindern. Es kam zu Festnahmen und den Einsatz von Tränengas.

Gouverneur Rhodes traf am 3. Mai ebenfalls in Kent ein. In einer hitzigen Pressekonferenz erklärte er die Protestierenden für unamerikanisch, warf ihnen gezielte, geplante Gewalt gegen Polizisten und die Nationalgarde vor und kündigte an, das Problem mit allen Mitteln „auszulöschen“. Rhodes rief nicht den Ausnahmezustand aus, doch Kents Bürgermeister Satrom verhängte eine Ausgangssperre. Dennoch kam es am Abend erneut zu Protestversammlungen, die aber nach kurzer Zeit von der Nationalgarde aufgelöst wurden.


Aufruf zum Studentenstreik für den 4. Mai 1970

4. Mai 1970: Das Massaker an der Kent State University

Wie einige Tage zuvor beschlossen, sollte am 4. Mai der zentrale Protest der Studenten an der Kent State University trotz der unruhigen Lage stattfinden. Zur Mittagszeit kamen etwa 2000 Demonstranten in einer weitgehend unorganisierten, aber friedlichen Veranstaltung zusammen. Die Nationalgarde versuchte, die Menge aufzulösen, zunächst mit einem Megaphon. Als das keine Reaktion hervorbrachte, nutzten die Beamten Tränengas, was wegen des Windes aber ebenfalls so gut wie keinen Effekt hatte.

Daraufhin bekamen knapp hundert standardmäßig bewaffnete Nationalgardisten den Befehl vorzurücken, wobei der Waffeneinsatz ausdrücklich nur für einen einzelnen Warnschuss in die Luft genehmigt worden war. Durch das Vorrücken und den erneuten Einsatz von Tränengas gelang es, die Menge der Protestierenden auseinander zu treiben. Allerdings manövrierten sich die Truppen dabei auf ein Sportfeld, von dem aus sie nur die Chance hatten, wieder umzudrehen, weil das Feld in alle anderen Richtungen von einem Zaun umgeben war. In dieser eingekesselten Situation begannen einige der Studenten damit, Steine auf die Gardisten zu werfen.

Als die Truppen schließlich, nach einem Warnschuss in die Luft, geschlossen zurück in die Mitte des Campus gingen, gaben die Studenten vor ihnen den Weg frei. Andere Studenten folgten den Gardisten die leichte Anhöhe hinauf. Als die Soldaten den höchsten Punkt erreicht hatten, drehten sich einer von ihnen, der Sergeant Myron Pryor, plötzlich um und schoss mit seiner Pistole ohne vorherige Warnung auf die hinter ihm folgenden Studenten. Daraufhin drehten sich die Soldaten in den hinteren Reihen ebenfalls um und feuerten mit ihren Gewehren in die Menge. Insgesamt werden, wie später ermittelt wurde, 67 Schüsse auf die Protestierenden abgegeben. Da viele von ihnen zunächst an Platzpatronen glauben, gehen nicht alle sofort in Deckung. Zwei Studentinnen und ein Student sterben sofort, ein weiterer später im Krankenhaus. Neun weitere werden durch die Schüsse verletzt. Später wurde ermittelt, dass keiner der Getöteten weniger als 20 Meter von den Soldaten entfernt stand; eine unmittelbare Bedrohung hat also in keinem Fall bestanden.


Folgen und nachfolgende Entwicklungen

Unmittelbar nach den Schüssen versammelten sich die Studenten in der Mitte des Campus und verlangten eine Erklärung für das Vorgehen der Soldaten. Laut mehreren Zeugenaussagen warnte der Kommandant der Gardisten, seine Leute würden erneut schießen, wenn sich die Versammlung nicht auflöse. Erst das Eingreifen eines Geologie-Professors sorgt dafür, dass die Studenten den Platz freimachen.

Schnell gingen Bilder und Berichte vom Vorfall an der Kent State University durch die Medien. In den USA trug dies dazu bei, dass sich die studentischen Proteste nochmals verschärften. Nur fünf Tage später, am 9. Mai 1970, fand in Washington DC eine riesige Demo mit etwa 100.000 Teilnehmern statt. Dabei kam es auch zu Ausschreitungen. Ebenso waren in den Tagen nach dem Vorfall in Kent bei Protestveranstaltungen an rund 450 Universitäten im ganzen Land zu einigen gewalttätigen Zwischenfällen gekommen. An der New York University hingen die Studenten ein Banner mit der Aufschrift „They can’t kill us all“ auf. Am 14. Mai kam es erneut zu Schüssen auf einem Campus, als Polizisten zwei Studenten an der Jackson State University in Mississippi töteten.

Präsident Nixon, der sich wiederholt abfällig über die Studenten geäußert hatte, setzte für die Aufklärung dieser Vorfälle eine Kommission für Campus-Unruhen ein. Diese kam im September 1970 zu dem Schluss, dass die Schüsse nicht gerechtfertigt waren. Auch Vizepräsident Agnew bezeichnete den Tod der Studenten als Mord. Dennoch kam es nie zu einer Verurteilung von einem der beteiligten Soldaten. Der Tatort auf dem Gelände der Kent State University ist heute ein nationales historisches Denkmal.


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