Jung, weiblich, möglichst nicht weiß und niemand aus dem Washingtoner Politik-Establishment – das waren die Attribute, die von vielen für den kommenden demokratischen Kandidaten erwartet worden waren. Auf Joe Biden trifft nichts davon zu. Und dennoch könnte er gut derjenige sein, der am Ende die Vorwahlen für sich entscheidet. Die Umfragen jedenfalls sahen den ehemaligen Vizepräsidenten oft schon vor seinen parteiinternen Kandidaten, als er noch gar nicht seine Kandidatur erklärt hatte. Und auch Amtsinhaber Trump soll, so sagen es Berichte aus dem Weißen Haus, Biden als wahrscheinlichsten Gegner für die Präsidentschaftswahlen 2020 sehen – und hat bereits lange vor der offiziellen Verkündung damit begonnen, Angriffe gegen Biden zu fahren.

Tatsächlich ist Joe Biden eine Reizfigur für eingefleischte Trump-Anhänger. Er war ein führendes Mitglied der immer wieder geschmähten Regierung Obamas – ist sogar ein enger Freund des 44. Präsidenten – und er nimmt kein Blatt vor den Mund, um seine Ablehnung für Trump und dessen Politik zum Ausdruck zu bringen. Auf die Meinung dieser Trump-Fans aber kommt es nicht an bei der Wahl, sie würden den amtierenden Präsidenten gegenüber jedem demokratischen Kandidaten bevorzugen. Viel wichtiger ist es für die Demokraten, Wechselwähler zu überzeugen und, vor allem in den Swing States, die Stimmen moderater Republikaner zu gewinnen. In dieser Hinsicht wäre Biden ein Kandidat mit besseren Chancen als diejenigen seiner Konkurrenten, die für einen radikaleren Politikwechsel stehen.

Logo der Kampagne

„Ich wünschte, ich wäre noch in der High School, dann würde ich es mit Trump hinter der Turnhalle aufnehmen“, mit dieser emotionalen Aussage hatte sich Joe Biden im Oktober 2017 zu einer der Galionsfiguren der Anti-Trump-Bewegung gemacht. 2016 noch hatte sich Obamas Vize gegen eine eigene Kandidatur entschieden, weil sein Sohn Beau im Mai 2015 an Gehirnkrebs gestorben war. Nachdem Trump aber das Amt übernommen hatte, fand Biden es offensichtlich unmöglich, sich nicht öffentlich zu äußern. Mit seinen offenen Worten fand er viel Unterstützung im demokratischen Lager und viele forderten ihn auf, es 2020 noch einmal zu versuchen, doch der Träger der Presidential Medal of Freedom, der höchsten zivilen Auszeichnung der USA, zierte sich lange, bevor er tatsächlich ins Rennen ging.

Das dürfte auch damit zusammenhängen, dass es Dinge gibt, die ihm die politischen Gegner genüsslich vorhalten werden. Die Kontroverse um Anita Hill beispielsweise, die den damaligen Kandidaten für den Supreme Court, Clarence Thomas, sexueller Belästigungen beschuldigte. Der Justizausschuss des Senats, dessen Vorsitzender Joe Biden damals war, hörte Hill zwar an, schenkte ihren Darstellungen aber wenig Glauben. Oder die Aussagen von mehreren Frauen, die sich in der Gegenwart Bidens unwohl gefühlt haben, weil dieser öfter mal den Körperkontakt zu anderen Menschen sucht oder sogar behaupteten, er habe sie gegen ihren Willen geküsst. Biden hat sich bei Anita Hill für den damaligen Umgang mit ihr entschuldigt und öffentlich dafür, dass sein Verhalten gegenüber anderen Menschen nicht respektvoll genug gewesen ist. Für böse Memes und übertriebene Darstellungen reicht es aber allemal. Und dann ist da noch die Sache mit Hunter, Bidens zweitem Sohn, der seit 2014 im Vorstand von Burisma sitzt, einem großen Gasproduzenten in der Ukraine. Biden war während des Maidan-Aufstands und des folgenden russischen Überfalls auf die Krim und den Donbass im Ukraine-Thema aktiv und wird sich mit Vorwürfen von Vetternwirtschaft beschäftigen müssen – umso mehr, falls russische Kräfte erneut die Wahlen zu beeinflussen versuchen sollten.

Joe Biden wurde 1942 als Sohn einer Mittelklassefamilie in Pennsylvania geboren. An der University of Delaware machte er 1965 den Bachelor-Abschluss in Geschichte und Politikwissenschaften und wechselte dann nach Syracuse, wo er Jura studierte; 1969 erhielt er die Zulassung zum Anwalt. Sein Status als Student schützte ihn mehrfach davor, als Soldat in den Vietnamkrieg eingezogen zu werden. Biden heiratete zudem 1969, aus der Ehe mit Neilia Hunter gingen die beiden Söhne Beau und Robert sowie die Tochter Naomi Christina hervor. Im Dezember 1972 starben seine Ehefrau und die kleine Tochter bei einem Autounfall, beide Söhne wurden verletzt. Das Unglück geschah nur wenige Wochen nachdem Biden erstmals in den Kongress gewählt worden war, als Senator für Delaware. 1977 heiratete er erneut, seine jetzige Frau Jill ist Professorin für Englisch.

Joe Biden etablierte sich unterdessen als eines der bekanntesten Mitglieder des Kongresses, obwohl er als alleinerziehender Vater für mehrere Jahre familiär mehr eingebunden war als seine Kollegen. Damals begann er damit, jeden Tag mit dem Zug zwischen Wilmington und Washington DC zu pendeln; eine Praxis, die er für die gesamte Zeit im Senat aufrechterhielt. In den insgesamt 36 Jahren als Senator machte er sich vor allem außenpolitisch einen Namen. Während des Bosnienkriegs setzte er sich für die Unterstützung der bosnischen Muslime durch NATO-Luftschläge ein und während des Kosovo-Kriegs für amerikanisches Engagement gegen Serbien. Er stimmte gegen den Irak-Krieg 1991, aber für den zweiten Irak-Krieg und den Militäreinsatz in Afghanistan. In Bezug auf den Iran plädierte er für eine harte, aber nicht eskalierende Vorgehensweise.

1988 erklärte Biden zum ersten Mal, die demokratische Nominierung anzustreben. Die Kampagne endete jedoch vorschnell nach nur drei Monaten, als er beschuldigt wurde, Teile einer Rede plagiiert und über seinen studentischen Erfolg gelogen zu haben. Der nächste Versuch folgte 2008, doch gegen die profilstarken Demokraten Obama und Hillary Clinton zeigte sich schnell, dass er nicht erfolgreich sein würde. Obama machte ihn dann zu seinem Kandidaten für die Vizepräsidentschaft und zwischen den beiden Männern begann schnell eine Freundschaft, die bis heute einen wesentlichen Teil der öffentlichen Wahrnehmung von Joe Biden beeinflusst. Wer sich bei den Demokraten heute für Biden entscheidet, der stimmt mehr oder weniger für eine Fortschreibung des demokratischen Politikstils nach Obamas Ausprägung. Er sieht den Klimawandel als existentielle Bedrohung, tritt für ein öffentliches Krankenversicherungssystem für alle und den Umweltschutz ein, ist ein engagierter Vertreter der Bürgerrechte und hat mehrfach für eine Verschärfung des Waffenrechts gestimmt. 2006 stimmte er für den Bau eines 700 Kilometer langen Zauns entlang der mexikanischen Grenze, setzte sich aber zugleich auch dafür ein, illegalen Einwanderern einen Weg hin zur amerikanischen Staatsbürgerschaft zu eröffnen. Biden gilt als ausgesprochener Unterstützer der NATO. Er stimmte für das nordamerikanische Freihandelsabkommen NAFTA, sprach sich aber gegen ähnliche Abkommen mit anderen Staaten aus.

Joe Biden ist in der Vergangenheit immer von hohen Sympathiewerten getragen worden. Seine Umfragewerte haben ihn unmittelbar nach der Verkündung der Kandidatur an die Spitze des Bewerberfelds gebracht. Er hat teilweise bis zu 26% Vorsprung vor dem zweitbeliebtesten Kandidaten, Bernie Sanders. Es wird für Biden darauf ankommen, die absehbaren Attacken aus dem republikanischen Lager souverän zu parieren und keine neuen Faux-pas entstehen zu lassen.


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