Aus alten Filmen kennt man den Indianer als Kontrahenten des Weißen Mannes, in neueren Dokumentationen sieht man ihn oft als an den Rand gedrängtes Opfer der Zivilisation. Touristen erwarten blinkende Spielcasinos, Kinder wollen bunten Federschmuck sehen und Erleuchtung Suchende verlangt es nach spiritueller Inspiration und Rezepten für uralte Heilmittel. Den Angehörigen der unzähligen Stämme und Völker, die zu den amerikanischen Ureinwohnern gezählt werden, wohnen alle diese Facetten aus Klischees, Geschichte und Realität inne und sie haben es oft schwer, sich in diesen Gegensätzen zurechtzufinden.

Bei der Besiedelung des Landes wurden Indianer an den Rand der Gesellschaft gedrängt, oft sogar in ihrer Existenz bedroht und in kriegerischen Auseinandersetzungen getötet. Sie verloren ihre teilweise seit Jahrtausenden bewohnte Heimat und wurden unter schlimmen Umständen in ihnen fremde Reservate gebracht. Später versuchte man, sie zwangsweise in die amerikanische Kultur zu integrieren und ignorierte dabei die Traditionen und das Bewusstsein der Ureinwohner völlig. Indianer heute leben oft unter desolaten Bedingungen, sind zu hohen Prozentzahlen arbeitslos, krank und abhängig und begegnen häufig Vorurteilen und Geringschätzung. Die Versuche der Regierung in Washington, dieser Situation entgegenzusteuern, bleiben oft halbherzig.

Dennoch wäre es falsch, die Verantwortung für die heutige Lage der Native Americans ausschließlich den Regierungen der letzten Jahrzehnte zuzuschreiben. Es gibt Beispiele von Indianervölkern, die sich auf die Situation besser eingestellt haben als andere, die vom Tourismus, von Dienstleistungen oder eigenen Produkten leben, ohne dabei notwendigerweise ihre Kulturen aufzugeben. Auf der anderen Seite gibt es Reservate, in denen die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts nur in Form von Bandenkriminalität oder Drogenabhängigkeit Einzug gehalten hat. Vielerorts sind die Menschen in den Reservaten untereinander zerstritten und nicht in der Lage, eine funktionierende Verwaltung und Interessenvertretung zu errichten, zudem gibt es häufig Fälle von Korruption. Dennoch verdienen die Ureinwohner Nordamerikas von allen – Politikern, Touristen, Mitbürgern, Medienleuten – mehr Aufmerksamkeit.

Heute gibt es in den USA 562 von der Regierung anerkannte Indianerstämme mit eigener Verwaltung; dazu zählen auch die Aleuten und Eskimos. Diese Anerkennung bedeutet für diese Völker die Möglichkeit zur besonderen Unterstützung durch das Bureau of Indian Affairs und eine gewisse Zahl von besonderen Privilegien. So haben diese unter anderem das Recht zur Errichtung einer eigenen Regierung, einer eigenen Polizei und eines Gerichtswesens, sowie das Recht, Steuern zu erheben. Insofern sind die Rechte der Indianerstämme in etwa mit denen der Bundesstaaten zu vergleichen, Kritiker merken jedoch an, dass die von der Regierung so genannte Souveränität nicht besteht, da die USA den Kontakt mit den Stämmen über eine Regierungsbehörde abwickelt und damit zu diesen nicht Beziehungen wie zu anderen souveränen Staaten unterhält.

Neben den offiziell von der Regierung anerkannten Indianervölkern gibt es weitere Stämme, die sich um Anerkennung bemühen, die erforderlichen genealogischen Nachweise ihres Volkes aber bisher nicht erfolgreich erbringen konnten, sowie Völker, die auf Ebene der Bundesstaaten Anerkennung erlangt haben, aber noch nicht auf nationaler Ebene. Insgesamt zählt die Regierung derzeit etwa 2,79 Millionen Ureinwohner in den USA, von denen die Navajo, Cherokee, Choctaw, Sioux, Chippewa, Apache, Blackfeet, Iroquois und Pueblo die größten Volksgruppen bilden. Der weitaus überwiegende Teil der indianischen Bevölkerung hat heute keine rein indianische, sondern eine gemischte Herkunft.

Die größten Bevölkerungsanteile stellen die Native Americans in den Bundesstaaten California, Arizona und Florida; in diesen drei Staaten lebt mehr als ein Drittel der gesamten indianischen Bevölkerung der USA. Heute sehen sich die Ur-Amerikaner einer Vielzahl gesellschaftlicher Probleme gegenüber – unter anderem hoher Arbeitslosigkeit, Armut, hohe Krankheitsraten, schlechte Bildung – die eine Versorgung der Menschen über die Behörden in vielen Fällen unumgänglich macht.

Viele Stämme haben das Angebot von Glücksspiel in ihren Reservaten zu ihrer Haupteinnahmequelle gemacht – in Connecticut zum Beispiel betreiben die Pequot und die Mohegans zwei der größten Casinos der Welt -, doch viele Indianer sehen darin eine Gefährdung der Kultur ihrer Völker. Daneben spielt in vielen Gebieten der Tourismus eine wichtige Rolle, so ist beispielsweise das Monument Valley in Arizona und Utah komplett unter Verwaltung der Navajo.

Studien haben ergeben, dass trotz einer veränderten Politik gegenüber den indianischen Völkern und gestiegener Öffentlichkeit für die Belange der Ureinwohner diese trotzdem noch ein in weiten Teilen von der restlichen US-Bevölkerung separiertes Leben führen und es nur wenige Berührungspunkte gibt. Viele Indianer sehen sich noch immer gegenüber den anderen Bevölkerungsgruppen benachteiligt, während bei diesen häufig Vorurteile den Wissensstand über Indianer begründen. Insgesamt jedoch haben die Native Americans heute eine deutlich verbesserte Position gegenüber der Situation noch im 20. Jahrhundert und bekommen mehr und mehr die Gelegenheit, die drängendsten Probleme des Alltagslebens aufzuzeigen und anzugehen.

 

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