Im Juli 1986 veröffentlichte das Magazin Life eine Reisereportage, in der der Abschnitt der US Route 50, der durch Nevada führt, als “loneliest road”, also als einsamste Strasse in Amerika bezeichnet wurde. Man brauche “Überlebenskünste”, um die Strecke zu überstehen, hieß es in dem Artikel weiter. Was als Herabwürdigung und Ausdruck von Langeweile gemeint war, entwickelte sich schnell zum Marketing-Element. Einem Vorschlag der Handelskammer des White Pine County folgend, benannte die Tourismuskommission Nevadas die knapp 409 Meilen der Strasse, die durch den Bundesstaat führen, in “The Loneliest Road in America” um. Die Strasse, die insgesamt eine durch das ganze Land, von der kalifornischen Hauptstadt Sacramento nach Ocean City in Maryland führende Verbindung ist, folgt dabei in Nevada einem Streckenverlauf, der schon der legendäre Pony Express nutzte; der Express-Postservice, der 1860 und 1861 über Reiterstaffeln den Westteil des Landes mit der Ostküste verband.

Tatsächlich gibt es kaum eine bessere Möglichkeit, den Bundesstaat Nevada und seine typischen Landschaften zu entdecken als eine Fahrt über die US Route 50. Rechts und links der Autofenster zieht weitgehend unberührte Natur vorbei, während die Strasse verschiedene Gebirgszüge über- und Wüstenregionen durchquert und dabei immer wieder faszinierende Panoramablicke auf Wildwestkulissen freigibt. Wirklich einsam ist die Strasse dabei nur selten: Es gibt Abschnitte, die im Schnitt täglich nur von etwa 500 Fahrzeugen passiert werden, an anderen dagegen sind es mehr als 50.000 am Tag. US Route 50 in Nevada ist keine Strasse, die für Touristenattraktionen bekannt ist oder die eine ausgefeilte touristische Infrastruktur entlang des Weges aufweisen kann, doch sie ist für sich genommen eine Sehenswürdigkeit des amerikanischen Westens. Für die schnellere Durchquerung Nevadas verläuft weiter nördlich der Interstate 80. US 50 folgt in weiten Teilen dem Lincoln Highway, der ersten transkontinentalen Strasse der USA.
Wer aus Richtung Westen kommt, für den beginnt die Strecke durch Nevada bei Stateline, dem Grenzort zwischen Nevada und California am Lake Tahoe. Nach der Überquerung der Carson Range erreicht die Strasse dann Nevadas Hauptstadt Carson City. Dieser Abschnitt der Strecke ist der am häufigsten genutzte und ist daher als vierspurige Schnellstrasse eingerichtet. Im anschliessenden Lahontan Valley folgt ein Abschnitt, der für die Pioniere, die in umgekehrter Richtung auf dem Weg nach Westen waren, einer der gefährlichsten war, denn in dieser Wüstenregion gibt es über 40 Meilen keine natürlichen Wasserquellen. Nachdem Dayton, eine der ältesten Städte Nevadas mit historischer Altstadt, passiert ist, folgt bei Silver Springs mit dem Fort Churchill Historic State Park eine Möglichkeit für einen sehenswerten Zwischenstopp. Das Fort wurde 1861 als Stützpunkt im Kampf gegen rebellierende Indianer von der Armee errichtet.

Während der eigentliche Highway 50 nach Silver Springs geradewegs nach Fallon führt, ist eine US 50- Alternativstrecke ausgewiesen, die zunächst nach Fernley führt. Auf dieser Alternativstrecke gewinnt man einen ersten Eindruck von der Einsamkeit, die die Strasse berühmt gemacht hat. Fernley selbst ist eine Stadt mit ursprünglich landwirtschaftlichem Charakter, die seit der Jahrtausendwende einen spürbaren wirtschaftlichen Aufwind verspürt, verbunden mit einem Anstieg der Bevölkerungszahl auf inzwischen über 12.000. Fernley erhielt 2001 das Stadtrecht. In der Nähe von Fallon, Stützpunkt der US-Marineflieger und letzte grössere Ansiedlung vor dem einsamsten Abschnitt des Highways, werden beide Routen wieder vereint. Fallon ist weitläufig von Gemüsefeldern umgeben, zählt etwa 7500 Einwohner und ist der Verwaltungssitz des Churchill County. Wer die Stadt passiert hat, bekommt erst knapp 180 Kilometer weiter östlich mit Austin wieder einen nennenswerten Ort zu sehen. In der Nähe Fallons befindet sich mit dem Sand Mountain ein Freizeitgelände rund um eine 180 Meter hohe Sanddüne, die ein beliebtes Gelände zum Fahren mit Offroadfahrzeugen ist.

Hinter Fallon wird die Strasse zweispurig – und leer. Man überquert nacheinander verschiedene Bergketten mit langsam steigenden Höhen, kommt durch weite, leere Flächen, die von der US Navy zu Testzwecken genutzt werden. Nach etwa 75 Kilometern erreicht man mit Middlegate eine Handvoll Häuser, darunter ein Motel und eine Bar. In der Nähe befindet sich der Shoe Tree – ein Baum, in den Reisende viele Paar Schuhe geworfen haben, bis der Baum kaum noch als solcher zu erkennen war. Ebenso fährt man hier ab, um zum Berlin-Ichthyosaur State Park zu gelangen. Berlin ist eine ehemalige Minenstadt, die 1911 verlassen wurde und heute als Ghost Town zu besichtigen ist. In der Nähe der Ansiedlung wurden fast 40 Fossilien von Dinosauriern entdeckt.

Nachdem man die Desatoya Mountains hinter sich gelassen hat, gelangt man nach Austin, ebenfalls eine größtenteils verlassene ehemalige Minenstadt, in deren Umland früher Gold, Silber und Uran abgebaut wurden. In Austin leben heute noch etwa 350 Menschen wo früher bis zu 10.000 Einwohner gezählt wurden. In der Nähe des Ortes befinden sich einige natürliche heiße Quellen. Nachdem man den Ort verlassen hat, steigt die US 50 in mehreren Haarnadelkurven steil über die Toiyabe Range auf einer Höhe von 2281 Metern. Der Bergzug gehört zum Humboldt-Toiyabe Nationalwald, in dem sich zahlreiche Naturschutzgebiete befinden. In der Nähe eines Rastplatzes am Rand der Strasse etwas außerhalb von Austin kann man indianische Felszeichnungen besichtigen. Nach einer guten Stunde ist dann Eureka erreicht, in dessen historischer Downtown sich ein 1880 erbautes Opernhaus, ein 1877 errichtetes Hotel und zwei Museen ebenfalls vom Ende des 19. Jahrhunderts befinden. Zu dieser Zeit war Eureka eine blühende Stadt mit etwa 10.000 Einwohnern, in deren Minen Blei abgebaut wurde. Obwohl heute nur noch etwa 1100 Menschen hier leben, kann der Ort Sportanlagen, öffentliche Parks und moderne Schulen aufweisen.

Die letzte Ortschaft Nevadas an der US 50 ist dann Ely, eine ehemalige Kupferstadt mit 4000 Einwohnern. Zwischen Ely und Delta im benachbarten Utah, der nächsten grösseren Ansiedlung, liegen 260 Kilometer und nur zwei Tankstellen. Eine davon, Border, liegt nur wenige Meter von der Grenze zum Nachbarstaat entfernt. Der Highway kreuzt hier die US 93, die südlich Richtung Las Vegas führt. Zuvor erreicht die Strasse auf dem 2356 Meter hohen Connors Pass ihren höchsten Punkt. In der Nähe befindet sich die Zufahrt zum Great Basin Nationalpark.