Die Pine Ridge Reservation im Südwesten South Dakotas, Land des Volkes der Oglala Sioux, ist das achtgrößte Reservat der USA, vor allem aber ist es das ärmste. Pine Ridge ist ein Sinnbild für die Probleme, die in vielen Reservaten im Land entstanden sind und die hier so gehäuft und massiv auftreten, dass die Reservation trauriger Ausdruck der Schattenseiten des Lebens vieler amerikanischer Ureinwohner geworden ist. Ein Besuch in Pine Ridge scheint aus den reichen USA heraus und in eine fremde Welt zu führen, in der niemand so recht zu wissen scheint, welcher Feind hinter der nächsten Ecke lauern könnte.

Offiziellen Angaben zufolge leben etwa 15.500 Menschen in dem Reservat, tatsächlich sind es möglicherweise sogar mehr als 40.000. Das Gebiet erstreckt sich zum größten Teil über kaum oder gar nicht nutzbare Bodenflächen in den sogenannten Badlands. Hier liegt der Schauplatz des Wounded Knee Massacre von 1890 und Pine Ridge war einst der Wohnort des berühmten Häuptlings Crazy Horse. In der Geschichte der Reservation fällt der Blick zuerst auf die 1970er Jahre, die von einer Vielzahl gewaltsamer Auseinandersetzungen gezeichnet wurden. Dazu zählte die Besetzung des Wounded Knee- Schauplatzes 1973, bei dem der historisch bedeutende Ort von FBI und Nationalgarde umstellt wurde und zwei Agenten bei Schusswechseln ums Leben kamen. Drei weitere Menschen starben 1975 bei einer erneuten Auseinandersetzung zwischen Bundesbehörden und Mitgliedern der American Indian Movement. Diese Zeit markiert beinahe bürgerkriegsähnliche Zustände im Reservat und das Ansteigen der Mordrate auf das Achtfache der höchsten Quote einer amerikanischen Großstadt in dieser Zeit.

Die Lage des Reservats heute ist nicht mehr von Auseinandersetzungen zwischen Indianern und der Bundesregierung geprägt, sondern von einer Zersetzung der Reservatsgemeinschaft von innen heraus. Alle Probleme, die man heute gemeinhin mit der Situation der amerikanischen Ureinwohner assoziiert, treten in Pine Ridge in extremen Maße auf. Die Säuglingssterblichkeit ist fünfmal höher als der US-Durchschnitt, die Lebenserwartung der männlichen Bevölkerung hier liegt bei 48 Jahren und damit so gering wie kaum irgendwo in der westlichen Hemisphäre und die Selbstmordrate liegt viermal höher als der Durchschnitt im Land. Bei einer Arbeitslosenquote, die irgendwo jenseits der 80% liegt, verfallen viele Menschen dem Alkohol, den es offiziell in Pine Ridge gar nicht geben darf. Doch in dem 14 Einwohner zählenden Ort Whiteclay in Nebraska direkt vor den Grenzen des Reservats wurden jedes Jahr mehr als 4 Millionen Dosen Bier verkauft – rund 13.000 Dosen pro Tag. Nach jahrelangen Auseinandersetzungen um den winzigen Ort und seine Rolle bei Unfällen und Kriminalität innerhalb des Reservats hat das oberste Gericht Nebraska 2017 eine Entscheidung der Regierung des Bundesstaats bestätigt, nach der den Läden in Whiteclay die Lizenz zum Verkauf alkoholischer Getränke zu entziehen ist.

Die wirtschaftliche Lage ist trostlos, abgesehen vom stammeseigenen Prairie Wind Casino, das 250 Arbeitsplätze geschaffen hat und ein wenig Profit vom Tourismus in den nahegelegenen Badlands National Park oder zum Mount Rushmore sowie vom Verkauf von Kunsthandwerk. Ein paar Unternehmungen hatte die Reservatsverwaltung vor dem Casino bereits gestartet, alle wurden nach kurzer Zeit wieder geschlossen; die Fabrik für Mokassins ebenso wie ein Unternehmen zur Weiterverarbeitung von Fleisch. Ein bisschen Landwirtschaft gibt es noch, diese sogar mit recht guten Umsatzzahlen, aber sonst hat Pine Ridge seinen Bewohnern nichts zu bieten. Nennenswerten Einzelhandel, zum Beispiel für Kleidung gibt es nicht, auch keine Bank und eine wenig effiziente Verwaltungsstruktur sorgt dafür, dass sich das so schnell auch nicht ändern wird. Viele Menschen leben in ärmlichsten Verhältnissen, mit mehreren Familien auf engstem Raum, oft ohne Strom, fließendes Wasser oder ein Abwassersystem. Mehr als 95% der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze und das durchschnittliche Jahreseinkommen liegt bei etwa 4000 Dollar.

Als sei das alles nicht bedrückend genug, halten seit einiger Zeit nun auch noch aus den Großstädten kommende kriminelle Phänomene ihren Einzug ins Reservat. Es gibt Gangs, Schutzgelderpressungen, eine Glorifizierung von Gewalt unter vielen Jugendlichen, die oft ohne funktionierende familiäre Strukturen aufgewachsen sind, weil diese dem Alkohol und der allgemeinen Lethargie zum Opfer fielen.
Dennoch: Aufgegeben haben sich die Oglala Sioux noch nicht und trotz aller bedrückenden Fakten und der scheinbaren Aussichtslosigkeit lässt sich erkennen, dass es immer wieder und immer mehr engagierten Einzelnen gelingt, kleine Schritte zur Verbesserung der Situation herbeizuführen. So gibt es inzwischen ein Motel im Reservat, was darauf hinweist, dass beispielsweise der Tourismus eine zukünftig stärkere Einnahmequelle werden könnte.