Etwa 15% der Gesamtbevölkerung San Franciscos zählt zur LGBTI-Gemeinde (das Kürzel steht für Lesbians, Gays, Bisexuals, Transgender und Intersexuals) und allein durch diese Zahl hat sich die Stadt zu einem Zentrum der Bewegung zur Gleichstellung und Akzeptanz von Homosexuellen entwickelt. Innerhalb San Franciscos wiederum ist der Stadtteil Castro District, allgemein einfach The Castro genannt, der Ort, an dem die Bewegung ihr Zuhause hat; allerdings leben auch in anderen Stadtteilen viele Schwule und Lesben.

San Francisco ist seit vielen Jahren die Stadt, in der sich die Bewegung frei entfalten und für ihre Ziele streiten konnte. Dennoch gab es in der Geschichte auch in San Francisco die überall bekannten Vorbehalte, Schwierigkeiten und Ausgrenzungen von sich bekennenden Homosexuellen. Am bekanntesten sind in diesem Zusammenhang die Geschehnisse um Harvey Milk, der 1978 in den Stadtrat gewählt wurde und damit der erste offen bekennende schwule Mann in einem öffentlichen Amt wurde.

Milk war 1972 aus New York City nach San Francisco gekommen, war in den Castro District gezogen und nach drei erfolglosen Versuchen in den Stadtrat gewählt worden. 1974 hatte er die erste Castro Street Fair organisiert, ein bis heute jährlich im Oktober stattfindendes Straßenfest in der wichtigsten Straße des Bezirks. 1976 hatte George Moscone das Amt des Bürgermeisters von San Francisco angetreten. Moscone unterstützte Milk in seinen politischen Bemühungen und hatte sich bereits nach kurzer Zeit im Amt einen Namen als Unterstützer der zahlreichen Homosexuellen in der Stadt gemacht, die Milk wiederum inoffiziell mehr und mehr als ihren politischen Sprecher anerkannten. Nachdem Harvey Milk im Januar 1978 sein Amt als Supervisor angetreten hatte, wandte er sich sofort der Aufnahme von Themen zu, mit denen die Position der LGBTI-Gemeinde in der Stadt bestärkt wurden. Moscone unterstützte ihn dabei, auch wissend, dass er Milks Einfluss auf die homosexuellen Wähler bei der nächsten Bürgermeisterwahl benötigen würde.

Ein anderes Mitglied des Stadtrats, Daniel White, entpuppte sich innerhalb kurzer Zeit als ausgesprochener Gegner aller politischen Initiativen Milks, weil er über dessen fehlende Unterstützung bei einer Abstimmung enttäuscht war. White trat im November 1978 von seinem Amt zurück, verlangte aber wenige Tage später seine Wiedereinsetzung durch Bürgermeister Moscone, was dieser aber ablehnte. White betrat am Morgen des 27. November, des Tages, an dem sein Nachfolger auf einer Pressekonferenz bekannt gegeben werden sollte, das Rathaus und erschoss Moscone in dessen Büro. Anschließend lockte er Harvey Milk in sein ehemaliges Büro und erschoss auch ihn aus kürzester Distanz. Obwohl Whites Ablehnung Milk gegenüber auf einer politischen Auseinandersetzung beruhte und nicht auf dessen sexueller Orientierung, wurde Harvey Milk durch seinen frühen Tod zu einem Märtyrer der LGBTI-Szene in den USA.

Daniel White war ein ehemaliger Police Officer und in den Tagen nach seiner Verhaftung trugen viele Polizisten in San Francisco deutlich sichtbare Slogans zur Unterstützung Whites auf ihrer Kleidung. Die Polizei der Stadt war trotz der allgemein liberalen Atmosphäre zu einem großen Teil den Homosexuellen feindselig gegenüber eingestellt. Am 21. Mai 1979 wurde White vom Vorwurf des Mordes freigesprochen, wofür ihm die Todesstrafe gedroht hätte und statt dessen nur wegen Totschlags im Affekt zu sieben Jahren Haft verurteilt. Das Urteil war der Auslöser von gewalttätigen Protesten einer Menge von etwa 3000 Menschen, die aus The Castro zur City Hall gezogen waren und dort Steine warfen und Feuer legten. Nachdem die Unruhen dort beendet waren, zogen Dutzende Polizisten in den Castro District, stürmten dort eine Gay-Bar und schlugen unbeteiligte Gays auf der Straße zusammen. Die gewalttätigen Auseinandersetzungen dieser Nacht wurden als White Night Riots bekannt.

Die Geschichte der Homosexuellen in San Francisco reichte bereits vor diesen Ereignissen weit zurück, in mancher Betrachtungsweise bis zum Goldrausch von 1849, als vornehmlich Männer in die Stadt strömten. Sicher ist aber, dass die Politik des Militärs während des Zweiten Weltkriegs, schwule Soldaten unehrenhaft zu entlassen, zu einem Anstieg der schwulen Bevölkerung des Castro führte, weil viele der an der Küste stationierten, ehemaligen Soldaten nicht in ihre Heimatorte zurückkehrten, sondern die liberale Atmosphäre San Franciscos vorzogen. The Castro war zuvor dank der zahlreichen Immigranten aus Nordeuropa als Little Scandinavia bekannt, später dann lebten hier bis in die 60er Jahre vornehmlich irisch-stämmige Angehörige der Arbeiterklasse. In den 80ern wurde das Viertel von der AIDS-Epidemie hart getroffen.

Dennoch hat sich The Castro seine sprichwörtliche Lebensfreude und Atmosphäre bewahrt. Besucher können daran in einer der zahlreichen Bars teilhaben, zu denen unter anderem die Elephant Walk Bar oder die Twin Peaks Bar zählen. Neben der Castro Street Fair finden im Stadtteil noch weitere interessante Veranstaltungen statt. Dazu zählt das International LGBT Film Festival Frameline, bei dem Filme mit LGBT-Themen gezeigt werden und das jährlich im Juni mehrere Zehntausend Besucher willkommen heißt. Die wichtigste Party aber ist San Francisco Pride, ein Straßen- und Volksfest, das zwar nicht mehr im Castro, sondern hauptsächlich rund um die City Hall stattfindet, im Distrikt aber umfassend gefeiert wird, zum einen mit dem Pink Saturday am Abend vor der großen Parade, zum anderen mit dem Dyke March, einem Protestmarsch der Lesben, der ebenfalls an diesem Samstag begangen wird.