Im Oktober 1859 führte John Brown eine 22köpfige Gruppe in den kleinen Ort Harper´s Ferry im heutigen West Virginia. Die Gruppe wollte das in dem Ort gelegene Waffenarsenal stürmen, um sich für den Aufstand der Sklaven im Süden der USA auszurüsten, den sie anstoßen wollten. Der Plan ging schief; die Gruppe musste sich in einem Maschinenhaus verschanzen, das zwei Tage später von einer Einheit der Marines gestürmt wurde. John Brown wurde festgenommen und schon zwei Monate später wegen Hochverrats verurteilt und hingerichtet.

Brown war ein äußerst engagierter Abolitionist, der wie viele Menschen in den Nordstaaten die Sklavenhaltung im Süden für unmenschlich hielt und entschlossen war, dagegen vorzugehen. Tatsächlich sollte die Frage das ganze Land wenig später in einen Krieg stürzen, doch viele Einzelne hatten sich bereits zuvor dazu entschlossen, die Befreiung der Sklaven voranzutreiben und so entstand ein Netzwerk aus geheimen Schutzhäusern, Fluchtrouten und Kommunikationswegen, das als Underground Railroad berühmt wurde. Die befreiten Sklaven, insgesamt etwa 30.000 zwischen 1810 und 1850, gelangten über diese Wege in den Norden des Landes oder nach Canada, in einigen Fällen auch in andere Länder.

Als Erfinder und Vater der Underground Railroad galt der in Philadelphia lebende William Still, selbst der Sohn ehemaliger Sklaven. Still verhalf mehreren hundert Sklaven pro Jahr zur Flucht und mit jedem, der in seinem Haus zwischenzeitlich Schutz fand, führte er ein Interview über die biographischen Hintergründe der Person, die er säuberlich protokollierte und später in einem Buch publizierte. Still ist wohl auch derjenige, der verschiedene Begriffe aus der Welt der Eisenbahn in der Kommunikation mit den anderen Helfern verwendete, woher die Bezeichnung Railroad für das Netzwerk stammt.

Die meisten Mitglieder des Netzwerks, die als Conductors, zu deutsch Lokführer bezeichnet wurden, kannten nur den jeweils in der näheren Umgebung liegenden Abschnitt der Route, auf der die befreiten Sklaven nach Norden gelangten. Der Ablauf war dabei in der Regel so, dass die Conductors unter großem persönlichen Risiko Kontakt zu den Sklaven zum Beispiel auf den ausgedehnten Plantagen des Südens aufnahmen und diesen die erste Station auf dem Fluchtweg mitteilte. Die Geflohenen nutzten dann die Nacht, um einzelne Abschnitte per Kutsche, zu Fuß oder manchmal auch per Eisenbahn zurückzulegen und verbrachten die Tage in den stations, den sicheren Häusern der Mitglieder der Gruppe, bis sie schließlich sichere Regionen erreicht hatten. Oft wurde die Reisezeit verlängert, weil die Wege nicht direkt nach Norden führten, sondern kreuz und quer, um Verfolger abzuschütteln. Viele Kopfgeldjäger, aber auch die Marshalls des Justizministeriums, waren überall im Land auf der Suche nach geflohenen Sklaven und boten all jenen Belohnungen an, die Informationen über den Verlauf der Routen preisgaben.

Die Namen einiger Mitglieder der Underground Railroad wurden nach dem Ende des Civil War bekannt. Nachfolgend stellen wir einige der prominentesten Köpfe der Bewegung vor.

 

Harriet Tubman
Die auch als “Moses” bekannt gewordene Tubman, selbst als Sklavin geboren und durch ihr schon als Kind zugefügte Gewalt körperlich beeinträchtigt war, begann schon kurz nach ihrer eigenen Flucht damit, erst Verwandten, dann anderen Sklaven das Verlassen des Südens zu ermöglichen. Durch ihren eigenen Status war das Risiko für Tubman als Mitglied der Underground Railroad besonders hoch, weshalb sie von ihren Mitstreitern, unter anderem von Frederick Douglass, viel Anerkennung erhielt. Insgesamt unternahm sie dreizehn Befreiungsmissionen nach Maryland, von wo sie selbst geflohen war und organisierte und führte die Flucht von etwa 70 Sklaven. Sie war auch an den Vorbereitungen von John Browns geplanten Überfall in Harper’s Ferry beteiligt. Im Civil War arbeitete sie als Köchin, Krankenschwester und Scout für die Truppen des Nordens. Später engagierte sie sich als Suffragette für die Einführung des Frauenwahlrechts und in der Methodistenkirche, die ein nach ihr benanntes Seniorenheim eröffnete. In diesem Heim starb Tubman 1913. Sie gilt heute als eine der wichtigsten historischen Persönlichkeiten des Landes.

 

John Rankin
Der Pfarrer John Rankin gilt als einer der bedeutendsten Aktivisten der Underground Railroad. Rankin hatte den Süden der USA verlassen, weil seine Ansichten zur Sklavenfrage ihn und seine Familie in Gefahr gebracht hatten. An seinem neuen Wohnort Ripley, Ohio, war er ebenfalls als entschiedener Gegner der Sklaverei bekannt und sein Haus daher eine der ersten Adressen, an denen Kopfgeldjäger nach geflüchteten Sklaven suchten. Trotzdem schaffte es Rankin, bei der Befreiung hunderter Sklaven zu helfen, vielen davon durch Aufnahme in sein Haus. Dieses lag auf einem Hügel über dem Ohio River, der die Grenze zwischen dem freien Norden und dem sklavenhaltenden Süden bildete. Durch eine Laterne am Haus signalisierte Rankin den Menschen auf der anderen Flussseite, wenn der Ohio River sicher überquert werden konnte. Das Haus ist heute denkmalgeschützt.

 

Levi Coffin
Coffins Beitrag zur Emanzipation der schwarzen Bevölkerung und zur Befreiung der Sklaven endete nicht mit seinem aktiven Mitwirken an der Underground Railroad, über die er nach eigenen Angaben etwa 3000 Menschen zur Freiheit verhalf. Darüber hinaus betrieb er in Cincinnati einen Laden, in dem ausschließlich von befreiten Sklaven produzierte Waren verkauft wurden, was deren Verdienstmöglichkeiten für den Neuanfang nach der Flucht deutlich verbesserte. Coffins Haus in Fountain City, Indiana mit zahlreichen geheimen Versteckmöglichkeiten ist heute per Führung zu besichtigen.

 

Calvin Fairbank
Der streng religiöse Calvin Fairbank arbeitete als Führer eines Transportschiffs auf dem Ohio River, als er Mitglied der Underground Railroad wurde und entflohene Sklaven über den Fluss zum Haus von Levi Coffin brachte. Bei einer seiner Befreiungsaktionen in Kentucky wurde er erkannt und bei seiner nächsten Rückkehr in das Gebiet verhaftet. 1845 wurde er zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt, kam jedoch schon 1849 frei, als der befreite Sklave seinen ehemaligen Besitzer auszahlte. 1851 wurde er erneut wegen Sklavenbefreiung verhaftet und zu 15 Jahren verurteilt, 1864 wurde er – während des Civil War – begnadigt. Durch die harten Bedingungen des Gefängnisses litt Fairbanks Gesundheit so sehr, dass er nach der Freilassung keiner Arbeit mehr nachgehen konnte und schließlich verarmte.