Tampas historischer Stadtteil Ybor City, gegründet von dem spanischen Zigarrenfabrikanten Vicente Martinez Ybor zur Unterbringung seiner Arbeiter, war die Keimzelle für den Aufschwung der Stadt und ist heute nicht nur die wichtigste Sehenswürdigkeit Tampas, sondern auch dessen lebensfrohes kulturelles Zentrum. Nach vorübergehendem Zerfall des Stadtteils leben durch neue Baumaßnahmen heute wieder rund 3000 Menschen in dem Viertel, das sich als “GaYbor” zum Mittelpunkt der schwulen und lesbischen Szene der Tampa Bay entwickelt hat. Die Bewohner engagieren sich heute in Initiativen für den Erhalt des Viertels und seiner historischen Substanz. Zigarren werden in Ybor City auch heute noch hergestellt, wenn auch bei weitem nicht mehr in dem Umfang von früher, als hier von 20.000 Arbeitern jährlich mehrere hundert Millionen Stück gerollt und in alle Welt versandt worden sind.

Noch bis in die 1880er Jahre war Tampa ein weitgehend isolierter, von Sümpfen umgebener Flecken mit nur wenigen Einwohnern. Dies änderte sich mit dem Anschluss des Ortes an das Eisenbahnnetz, der dem erfolgreichen Zigarrenfabrikanten Vicente Martinez Ybor das nötige Argument lieferte, um seine in Key West angesiedelte Zigarrenproduktion hierher zu verlegen. Ybor war 1869 aus Kuba nach Florida gekommen, fand jedoch in Key West keinen Platz mehr zur Expansion und hatte sich mehrere mögliche neue Standorte im Sunshine State angesehen. Ybor erwarb, unterstützt durch die Handelskammer, zunächst 160.000 m² Land, später noch mehr, und ließ hunderte Häuser errichten, um Arbeiter anzulocken, die die nötigen Fertigkeiten zum Zigarrenrollen mitbrachten; vor allem Spanier und Kubaner. Zudem wirkte er auf andere Hersteller ein, ebenfalls nach Tampa umzusiedeln; viele folgten seinem Ruf. Etwa zur gleichen Zeit begannen zahlreiche italienische Familien, sich in der Stadt niederzulassen, dann folgten Deutsche, Chinesen und rumänische Juden. Aus der Arbeitersiedlung wurde bald ein buntes, multikulturelles Viertel mit funktionierendem Sozialgefüge, das 1887 nach Tampa eingemeindet wurde. Die Gemeinschaft der Einwohner Ybor Citys war stark, es gab nach ethnischer Herkunft getrennte Gemeinschaften, denen die Arbeiter für etwa 5% ihres Lohns beitreten konnten und die dann als sozialer Treffpunkt agierten, Veranstaltungen organisierten und Bildungsprogramme anboten. Die Gebäude dieser Gemeinschaften, zum Beispiel das Centro Espanol (Foto) sind heute als historische Bauten denkmalgeschützt.

Nachdem die Produktion in Ybor City im Jahr 1929 mit 500 Millionen Stück ihren Rekordwert erreicht hatte, litt die Nachfrage in der folgenden Weltwirtschaftskrise gewaltig. In den 30er Jahren wurde die Zigarrenproduktion fast überall auf die günstigere Herstellung per Maschine umgestellt, tausende Arbeiter verloren ihre Jobs. Während sich die Stadt selbst in den folgenden Jahrzehnten weiter entwickelte, verfiel Ybor City zunehmend. 1957 wurde die neue Schnellstrasse I-4 von Tampa nach Daytona gebaut, der das Viertel in der Mitte durchschnitt und dessen Errichtung etliche der ursprünglichen Gebäude geopfert werden mussten. Ab den 1980er Jahren kamen dann erst Künstler ins Viertel, dann Mittelschicht-Bürger auf der Suche nach erschwinglichem Wohnraum, dann die Unternehmer, die die alten Gebäude nach und nach in Bars und Restaurants umwandelten. Ab der Jahrtausendwende beschleunigte sich dann die Wiederentdeckung des Stadtteils; neue Wohngebäude, Hotels und Shoppingcenter entstanden, zugleich wurde die alte Bausubstanz einer sorgsamen Renovierung unterzogen. An der Ecke 7th Avenue und 16th Street etablierte sich in der Folge das Zentrum von GaYbor.
In dieser Gegend weisen große Regenbogenfahnen den Weg zu zahlreichen gay-freundlichen Kneipen, Restaurants und Läden. Rund um den amerikanischen Nationalfeiertag am 4. Juli finden hier alljährlich die GaYbor Days statt, ein mehrtägiges Straßenfest. Diese sind jedoch nicht das einzige Event im Veranstaltungskalender von Ybor City. Noch mehr Besucher zieht die Interpretation des Halloween-Festes, Guavaween, jeweils am letzten Samstag im Oktober ins Viertel. Bei dieser lateinamerikanisch angehauchten Variante des eigentlich keltischen Festes, benannt nach der inoffiziellen Bezeichnung Tampas als “The Big Guava”, zieht in der Dämmerung eine Parade von teilweise furchterregenden Gestalten die 7th Avenue herunter. Tagsüber fällt das Fest familienfreundlicher aus, es gibt Kostümfeste, Fahrgeschäfte und ähnliches. Mitte November folgt dann jedes Jahr das Heritage & Cigar Festival, bei dem es in Volksfest-Atmosphäre um das Andenken an die Geschichte des Stadtteils geht.

Zu den Sehenswürdigkeiten des Stadtteils gehören heute vor allem die ehemaligen Gemeinschaftshäuser der sozialen Verbände, die zu einem National Historic Landmark District zusammengefasst wurden. Eines davon, das Centro Espanol (1526 East 7th Avenue), ehemals der Treffpunkt der spanischen Immigranten, ist nach einer Restaurierung heute Teil eines größeren Shopping-Komplexes. Das Gebäude aus rotem Backstein wurde 1912 erbaut und war das erste seiner Art. Nach dem Vorbild des spanischen Clubs entstand zwei Jahre später auch das Centro Asturiano (1913 North Nebraska Avenue) für Einwanderer aus der spanischen Provinz Asturien, zu dem auch ein erst 1990 geschlossenes Krankenhaus und ein Friedhof gehörten. Das Gebäude kann heute für private Veranstaltungen gemietet werden. Die gleiche Verwendung hat heute der Circulo Cubano de Tampa (Palm Avenue und 14th Street), das Vereinsgebäude der Assoziation der kubanischen Einwanderer.

Kernstück des historischen Distrikts ist aber der Ybor City Museum State Park (1818 Ninth Avenue, täglich 9-17 Uhr geöffnet). Zum State Park gehören mehrere Casitas, ehemalige Wohngebäude der Zigarrenroller, die in geführten Touren besichtigt werden können, vor allem aber das Museum, das einen Einblick sowohl in die Geschichte der Zigarrenherstellung in Tampa, aber auch in die Kulturgeschichte der lateinamerikanischen Immigranten allgemein gibt. Das Museum ist in einer ehemaligen Bäckerei untergebracht und umgeben von einem sehenswerten Garten im mediterranen Stil.

Besucher von Ybor City sollten sich aber nicht nur auf die ausgestellte Vergangenheit beschränken, sondern auch selbst in das von lateinamerikanischen Einflüssen geprägte Viertel mit seinen authentischen Cafés, Kunstgalerien und Läden eintauchen. Nebenbei kann man natürlich auch immer noch einem Zigarrenroller bei der Arbeit zusehen. Es werden verschiedene Touren zur Erkundung des historischen Viertels angeboten.