Manhattan Project war der Tarnname eines Programms, in dem die USA ab 1942 die erste Atombombe konstruierten. Im Rahmen des Projekts wurde im sogenannten Trinity-Test am 16. Juli 1945 in der Wüste von New Mexico zum ersten Mal eine nukleare Waffe gezündet. Das Manhattan-Projekt wurde von militärischer Seite von General Leslie R. Groves geleitet und auf der wissenschaftlichen Seite von dem Physiker J. Robert Oppenheimer.

Vorgeschichte

Im Dezember 1938 war den deutschen Chemikern Otto Hahn und Fritz Straßmann erstmals die Kernspaltung von Uran gelungen. Schon bald darauf begannen in verschiedenen Ländern Untersuchungen zur militärischen Nutzbarkeit der Entdeckung, etwa in Deutschland, Japan, Großbritannien und der Sowjetunion. Auch in den USA schritt die Forschung voran, wesentlich angetrieben durch aus Europa emigrierte Wissenschaftler wie den Italiener Enrico Fermi. Doch die amerikanische Forschung hinkt hinterher, die Deutschen und möglicherweise auch die Russen sind schon weiter. Die nach Amerika geflüchteten Ungarn Edward Teller, Eugene Wigner und Leó Szilárd verfassten daher, gemeinsam mit dem ebenfalls inzwischen in den USA lebenden Albert Einstein einen Brief an Präsident Franklin D. Roosevelt, in dem sie vor der militärischen Nutzung der Kernspaltung durch die Deutschen warnten. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit – klar ist, dass die Deutschen nicht die ersten sein dürfen, die eine solche Massenvernichtungswaffe zur Verfügung haben. Präsident Roosevelt beauftragte im Jahr 1940 erste Forschungsarbeiten und im Oktober 1941 die Entwicklung von Atomwaffen.

Pearl Harbor und der Beginn des Manhattan Projects

Nur kurz darauf erfolgte der japanische Angriff auf Pearl Harbor und damit der Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg. Das verlieh dem Entwicklungsprojekt eine neue Dringlichkeit. Bisher waren an verschiedenen Universitäten Teilaspekte der Forschung vorangetrieben worden. Im Jahr 1942 gab Präsident Roosevelt ein Budget von $54 Millionen frei. Das Projekt blieb dabei so geheim, dass nicht einmal der Kongress oder Roosevelts Vizepräsident Truman eingeweiht war. Im Mai 1942 kam Robert Oppenheimer zum Team, der den Arbeiten neuen Schwung verlieh. Bei einem Treffen zwischen ihm und weiteren führenden Wissenschaftlern in dem Projekt kam man zu dem Entschluss, dass der Bau einer Bombe tatsächlich möglich sei.

Daraufhin übernahm das Militär die Federführung an dem Projekt. Verantwortlich war Colonel James C. Marshall, der das Hauptquartier in einem Bürogebäude am Broadway in Manhattan einrichtete. In Anlehnung daran erhielt das Vorhaben seinen Namen Manhattan-Projekt, mit dem das wahre Vorhaben verschleiert werden sollte. Das Militär beauftragte Oppenheimer mit dem Bau der Bombe in einer neu zu errichtenden, geheimen Anlage. Zu diesem Zweck mussten eigens dessen Sicherheitsvorgaben aufgehoben werden, denn in Oppenheimers Umfeld gab es mehrere Personen mit Verbindungen zum kommunistischen Lager. Binnen weniger Wochen errichtete das Militär riesige Industrieanlagen, um den Deutschen bei der Entwicklung der Bombe noch zuvorkommen zu können. Zu einem großen Teil waren die zeitweise insgesamt 125.000 Mitarbeiter des Manhattan Projects mit der Produktion spaltbaren Materials beschäftigt, während die Wissenschaftler an der Funktion, Form und den Mechanismen der Bombe arbeiteten.


Robert Oppenheimer mit Albert Einstein


Oak Ridge und Los Alamos

Das Manhattan Project verfügte über ein Netzwerk aus Forschungseinrichtungen im ganzen Land. Besonders bedeutsam waren drei der Installationen. In Tennessee hatte die US-Regierung eine 240 km² große Fläche gekauft, auf der die Anlage gebaut wurde, in der Uran angereichert wurde. Für die bis zu 75.000 Arbeiter in dem Werk, das nach einem kleinen Ort in der Nähe als Clinton Engineering Works bezeichnet wurde, wurde in Rekordzeit eine eigene Stadt gebaut, die zunächst Site-X hieß. Hier befanden sich unter anderem einer der ersten Kernreaktoren der Welt und ausgedehnte, hochmoderne Labore. Die Angestellten durften weder über ihren Wohnort, noch über ihre Tätigkeit sprechen. Erst 1949 wurde die Existenz der Stadt publik gemacht. Sie trägt seit 1959 offiziell den Namen Oak Ridge und ist bis heute einer der wichtigsten amerikanischen Standorte für die Forschung.

In der Hanford Site im Bundesstaat Washington wurde der erste Reaktor zur Produktion von Plutonium erbaut. Hier war ein noch viel größeres Landstück aufgekauft und ebenfalls eine eigene Stadt für die Arbeiter erbaut worden; der Ort Richland beherbergte während des Krieges bis zu 25.000 Menschen und ist bis zum heutigen Tag auf etwa 60.000 Einwohner angewachsen.

Zum Zentrum des Manhattan-Projekts aber wurde Los Alamos im Bundesstaat New Mexico. Hier entstand unter Oppenheimers Leitung in den Gebäuden einer ehemaligen Schule das Labor, in dem die Forschungen von einer Reihe hochangesehener Wissenschaftler vorangetrieben und die Atombombe konstruiert wurde. Oppenheimer versammelte Wissenschaftler unterschiedlichster Fachrichtungen und ließ sie im offenen Dialog miteinander diskutieren und ihre Ideen und Theorien zusammentragen. Brillante Köpfe, die aus Europa geflohen sind, darunter auch Nobelpreisträger, arbeiten so Hand in Hand mit den Denkern von den amerikanischen Elite-Universitäten. Rund um die Schule ließ die Regierung Unterkünfte für anfangs rund 300 Mitarbeiter und ihre Familien bauen, die Zahl stieg bis zum Ende des Projekts auf 8000. Strom, Wasser und Entsorgungssysteme mussten in die Wüste gebaut werden und nicht immer hielt die Entwicklung mit dem schnellen Wachstum des unter der Bezeichnung „Project Y“ geheim gehaltenen Ansiedlung Schritt. Der Standort wird bis heute als Nationallabor betrieben und ist nach wie vor ein wichtiger Forschungsstandort.



Trinity-Test

Zu Beginn des Jahres 1945 hatten die Forscher unter Oppenheimer die optimale Form und den optimalen Mechanismus für die Bombe gefunden. Die Militärs drängten auf einen schnellen Nachweis der Funktionsfähigkeit. Bald darauf kapituliert Deutschland, der Krieg in Europa ist vorbei. Im Pazifik jedoch ist der Krieg noch heiß. Präsident Truman, der erst im April dem verstorbenen Franklin D. Roosevelt im Amt gefolgt war, wollte bei der am 17. Juli beginnenden Potsdamer Konferenz vor allem Stalin gegenüber klarstellen, dass die USA eine funktionierende Atombombe besitzen, denn er wollte verhindern, dass Stalin in den Krieg in Japan eingreift. Truman selbst hatte erst nach Amtsübernahme vom Manhattan Project erfahren.

Der Test der Waffe unter dem Codenamen Trinity, die erste Zündung einer Atombombe, wurde daher für den 16. Juli 1945 angesetzt. Montiert auf einem 30 Meter hohen Stahlturm wurde die Bombe mitten in der Wüste von New Mexico um 5:29 Uhr gezündet. Bis zuletzt waren die Wissenschaftler nicht vollständig sicher, ob die Waffe funktionieren würde oder ob sie vielleicht sogar eine unkontrollierbare Kettenreaktion auslösen würde. Aus technischer Sicht jedoch wurde der Test zu einem vollen Erfolg. Die Sprengkraft der Bombe übertraf noch die Erwartungen vieler der am Bau beteiligten Wissenschaftler. Es entstand ein 12 Kilometer hoher Atompilz bei der Explosion und die Druckwelle war bis in eine Entfernung von 160 Kilometern zu spüren.

Nach dem Test

Truman unterrichtete Stalin am 24. Juli darüber, dass die USA die erste Atombombe besitzen. Stalin zeigt sich wenig überrascht, denn wie sich später herausstellte, hatten Mitarbeiter des Manhattan Projects für die Sowjetunion spioniert und Stalin war längst informiert. Er begnügte sich daher damit, Truman zu wünschen, dass er die Waffe gewinnbringend in Japan einsetzen würde. Genau das hatte Truman auch vor; mit dem Abwurf der Atombombe wollte er Japan zur Kapitulation zwingen und so vermeiden, dass bei einem Einmarsch der USA hunderttausende Menschen ums Leben kommen. Am 6. August und 9. August kam es zum Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki. Es wird geschätzt, dass rund 250.000 Menschen durch die Bomben starben, davon 100.000 direkt durch den Abwurf und viele weitere durch die Spätfolgen.

Der massive Tod, den seine Bombe auslöste, schien bei Oppenheimer ein Umdenken auszulösen. Auch das von ihm prognostizierte Wettrüsten hatte eingesetzt; Stalin hatte noch aus Potsdam den Befehl gegeben, das sowjetische Programm zu beschleunigen. Nach dem Krieg mehrfach ausgezeichnet, wurde Oppenheimer Vorsitzender einer Beraterkommission für die Atomenergiebehörde der USA. In diesem Rahmen riet er wiederholt, aber vergeblich davon ab, den Weg der von Edward Teller propagierten Weiterentwicklung der Atombombe zu einer Wasserstoffbombe zu verfolgen.


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